Donnerstag, 1. März 2012
Vorsicht, Diebe!
Text: Helmo Jagusch, Foto: Simone Gloor
Beinahe jede Unternehmung preist ihre Produkte auf individuell gestalteten Webseiten zum Kauf an. Ferienanbieter unterstreichen die Schönheit ihrer Ferienresorts mit Filmen auf YouTube. Wichtige Persönlichkeiten (oder solche, die sich dafür halten) verbreiten ihre Mitteilungen auf Twitter. Und gepaart mit den Möglichkeiten von Facebook, werden diese Informationen zusätzlich über «Freunde» und «Freunde von Freunden» in alle Welt verteilt.
Diese Möglichkeiten der uneingeschränkten Kommunikation haben neue Berufe ins Leben gerufen, von denen man bisher noch nie etwas gehört hat. Befürworter dieser Kontakt- und Werbemöglichkeiten schwärmen denn auch von den vielen tausend Arbeitsstellen, die diese neue Beziehungsform mit sich bringt.
Doch die Warner halten entgegen, dass das alleinige Ziel der im Internet präsenten Firmen beziehungsweise ihrer Kommunikationsverantwortlichen darin besteht, Daten von Kunden zu erhalten, um sie für ihre Werbezwecke zu gebrauchen. Zwar ist das Internet nicht grundsätzlich schlecht – doch die Professionalisierung in der Erfassung unserer Kundendaten und unseres Surfverhaltens lässt uns zu gläsernen Konsumenten werden. Genau das ist die Krux an der Sache. Es ist beängstigend, wie lange individuelles Internetverhalten und persönliche Daten gespeichert bleiben – nämlich über unseren Tod hinaus.
Facebook etwa betreibt weltweit mehr als 30 000 Datenserver (Stand 2009). Darauf speichert der Sozial-Media-Riese sämtliche Daten, Fotos und Vorlieben ihrer Kunden doppelt und dreifach ab. Wer vor Jahren sein Benutzerkonto gelöscht, sich also «gewollt» aus der Sozial-Media-Plattform zurückgezogen hat, später dann aber der Meinung war, nun doch wieder auf dem Freunde-Netzwerk mitmachen zu wollen, konnte bei der neuerlichen Anmeldung feststellen, dass alle Daten, Freunde, Fotos, Posts und Nachrichten – oh Wunder – noch immer vorhanden und wieder sichtbar wurden. Als ob der Kontoinhaber sie nie gelöscht hätte.
Google betreibt weltweit mehr als 900 000 Datenserver (Stand 2011) und speichert darauf sämtliche Inhalte unserer Homepages und YouTube-Filmchen, aber auch unsere Suchanfragen und Surfvorlieben. Deshalb kennt dieser Datenelefant unsere Vorlieben genau und sendet uns personalisierte Werbung auf den Rechner. Selbst wenn der PC-Inhaber seine Wohnadresse ändert, wandern diese Daten automatisch mit. Beim Aufstarten des WWWs sind alle Surfvorlieben am neuen Domizil wieder präsent.
Da können wir Nutzer nur hoffen, dass sich die neuen Berufsleute in den einzelnen Firmen ihrer Verantwortung wirklich bewusst sind und dass sie unsere Angaben nie missbrauchen werden. Denn Daten von und über uns sind nicht «nur Daten», sondern unsere Privatsphäre, unser Leben.
Dienstag, 31. Januar 2012
Gesundheitsdiktatur

Text: Benjamin Hämmerle, Foto: Simone Gloor
Seit längerem ist zu beobachten, dass Bund, Kantone und Gemeinden sich zunehmend aggressiv um die Gesundheit und den Lebenswandel ihrer Bürger kümmern. Nachdem die Raucher erfolgreich dezimiert und vor die Türen von Gaststätten und Discos verbannt worden sind, hat sich der Bundesrat (wieder einmal) die jugendlichen Alkoholkonsumenten vorgenommen. Mit einem generellen Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken zwischen 22 Uhr und 6 Uhr will er spontanen nächtlichen Saufgelagen vorbeugen. Dass man damit auch all jenen, die weder die Nachtruhe stören noch suchtgefährdet sind, die Möglichkeit nimmt, spätabends im 24-Stunden-Shop oder an der Tankstelle ein Bier zu kaufen, nimmt der Bundesrat als «unvermeidlich» in Kauf.
Ebenfalls Aufsehen erregt haben in jüngster Zeit millionenteure Präventionskampagnen gegen Fettleibigkeit. Jede zweite Person in der Schweiz soll übergewichtig sein. Dies ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie des Universitätsspitals Lausanne im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Besorgt ist das BAG insbesondere über die volkswirtschaftlichen Kosten, die die Übergewichtigen in der Schweiz jedes Jahr verursachen. Diese hätten sich allein zwischen 2004 und 2009 von 2,6 auf 5,7 Milliarden Franken mehr als verdoppelt. Zu den direkten Krankheitskosten («Verbrauch von Ressourcen zur Behandlung von Adipositas und Folgekrankheiten») addieren die Statistiker des Bundes indirekte Kosten wie «Produktivitätsverlust durch Arbeitsabwesenheit, Invalidität oder Tod». Welche Schande, dem Staat einen Produktivitätsverlust durch den eigenen Tod aufzubürden!
Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass dem Staat nicht so sehr die Gesundheit seiner Bürger am Herzen liegt. Vielmehr scheinen ihm die wirtschaftlichen Kosten, die deren Fehlverhalten allenfalls verursachen könnte, auf dem Magen zu liegen. Dies ist Ausdruck einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Individuen werden als Nutz- und Kostenfaktoren gesehen, die dem Bruttoinlandsprodukt entweder förderlich oder abträglich sind. Die Idee, dass jeder Bürger und jede Bürgerin die Kosten des eigenen Verhaltens selber tragen soll, findet immer mehr Anhänger. Dass Betrunkene Zwangsaufenthalte in Ausnüchterungszellen und Spitalaufenthalte selber berappen sollen, hat die ständerätliche Gesundheitskommission am 25. Januar beschlossen. Dass Übergewichtige höhere Krankenkassenprämien bezahlen sollen, ist längst kein Tabu mehr.
Dieser Logik folgend müssten auch Behandlungen von Sportunfällen und vieler Krankheiten selber finanziert werden, denn die Betroffenen haben sich bewusst oder fahrlässig in Risikosituationen begeben. Kommt dazu, dass viele gesundheitliche Beschwerden – wie zum Beispiel Adipositas – zum Teil genetisch bedingt sind. Sollen Menschen mit Risikogenen auch höhere Krankenkassenprämien bezahlen? Damit wäre der solidarische Charakter unseres Gesundheitswesens vollständig ausgehebelt.
Es kann nicht das Ziel unserer Lebensführung und unserer Politik sein, stets eine optimale wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aller Individuen zu gewährleisten. Vielleicht würde sich die Wirtschaftsleistung der Schweiz tatsächlich verdoppeln, wenn niemand dick wäre, Alkohol trinken, rauchen, Fastfood essen, abseits der markierten Pisten fahren, im Auto Radio hören oder ins Solarium gehen würde. Wenn alle mindestens sieben Stunden pro Nacht schlafen, fünf Portionen Früchte oder Gemüse pro Tag essen, dreimal pro Woche (ungefährlichen) Sport treiben und stets gut gelaunt arbeiten würden. Für mich wäre es dann aber an der Zeit, auszuwandern.
Mittwoch, 4. Januar 2012
Ein neues Land lieben lernen
Text: Katrin Wahl, Bild: pixelio/Rainer Sturm
Man sieht die Schweizer Berge von der deutschen Seite aus, von dort, wo ich bis vor drei Jahren gewohnt habe. Sie sind mir ein vertrauter Anblick. Das erste Schweizer Fernsehprogramm ist im Kabelnetz im Bodenseekreis eingespeist und ebenfalls vertraut. Umso erschütterter war ich im Stillen, mich nach meinem Umzug in einer mir völlig unvertrauten Umgebung wiederzufinden.
Man sagt nicht Umzug in der Schweiz, das heisst Zügeln, belehrte man mich. Mein schwäbischer Dialekt öffnete mir zwar einige Türen, brachte jedoch meine Gegenüber unwillkürlich zum Lächeln. Und zum Spötteln: «Ha, noi» grinste ein aus Basel stammender Arbeitskollege immer, wenn er mich sah. Ein Jahr später machte er mir dann ein reizendes Kompliment: «Du kommsch jo vom Bodensee, des sind ja eh halbe Schwiizer.» Der Weg bis zu diesem Kompliment war zwar nicht steinig, aber holperig.
Denn trotz meiner vollmundigen Versicherung, ich verstünde Schwizerdütsch, gab es oft genug Situationen, in denen ich genauso gut hätte Kisuaheli rückwärts hören können, so wenig Information erreichte mein schwäbisch geprägtes Sprachzentrum. Dann stand ich inmitten des Wortschwalls, den meine Arbeitskolleginnen in zungenbrecherischer Geschwindigkeit über mich ergossen, und flüchtete in die einzige Form der Kommunikation, die mir sinnvoll erschien: Ich lächelte. Ich galt recht schnell als freundlicher Mensch.
So nach und nach lichtete sich der Sprachen-Dschungel, gab mir einen Begriff nach dem anderen preis. Wenn ich es auch nicht spreche, das meiste verstehe ich inzwischen, kann auch Baslerdytsch von Züridütsch und Bärndüütsch unterscheiden. Jetzt, nach fast drei Jahren, muss ich mich zusammenreissen, um in meiner alten Heimat nicht «Grüezi» zu sagen, sondern – ordentlich schwäbisch – «Grüss Gott».
Tiefer noch berührte mich, als mir bewusst wurde, dass ich hier die Ausländerin war. Es war mir Zeit meines Lebens immer gleichgültig, wo jemand herkam oder welche Hautfarbe er hatte. Hier erlebte ich die andere Seite der Medaille. Die Deutschen sind nicht sehr beliebt in der Schweiz, musste ich lernen. Nach Beobachtungen diverser Ausrutscher unsensibler Landsleute verstehe ich auch, warum. Persönlich musste ich zwar nur selten massive Ablehnung erfahren. Ich erlebte eher die täglichen kleinen Spitzen – Bemerkungen wie «Ich hab nichts gegen Deutsche, aber es sind jetzt einfach zu viele». Mit der Zeit machten sie mir nichts mehr aus.
Aber trotz mancher Verbalattacken: Von den meisten Schweizerinnen und Schweizern in meinem Umfeld erlebe ich nur Positives. Ob beim Arbeiten oder beim Einkaufen, beim Sport oder in der Stadt, viele sind ungeheuer höflich und entgegenkommend. Diejenigen, die nicht negativ auf meine Sprache reagieren, sind es sogar viel, viel mehr, als ich es von daheim gewohnt bin. Die schwäbische Mentalität ist eher kurz angebunden, gelegentlich sogar ungehobelt, auch wenn es nicht so gemeint ist.
Aber, so klärte mich eine Kollegin einmal auf, das sei völlig logisch für Schweizer. «Freundlichkeit und Höflichkeit sind der Klebstoff, der unsere vielen Sprachen und Gruppen in der Schweiz bei allen Unterschieden zusammenhält.»
Mittwoch, 30. November 2011
Einsatzbereit für die Rest-Aktivzeit
Text: Peter Jeck; Bild: Peter PfistnerNach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es keine alten Menschen. Es gibt nur alternde und ältere. Mit meinem Jahrgang 1948 gehöre ich zu Letzteren. Starken Trost vermag mir diese Elimination von «alt» aus der Sprachregelung allerdings nicht zu spenden. Dass jemand «älter» ist — älter als andere — kann er oder sie schon viel früher feststellen. Das gilt ja streng genommen für alle.
In Wirklichkeit fühle ich mich nicht immer, aber immer öfter alt, und die Redensart «An dem Tag, an dem dir am Morgen nichts weh tut, bist du tot» kann ich in ihrer blöden Wahrheit nicht mehr vergessen. Ein ganzer Strauss von gesundheitlichen Einschränkungen, darunter auch irreversible, melden sich mit Schmerzen, nachlassender Mobilität und generellem Mangel an Wohlbefinden. Ich verstehe erstmals ein Stück weit die vielen griesgrämigen Senioren, für die die Mitmenschen im öffentlichen Raum in erster Linie störende Hindernisse zu sein scheinen; die sich schlecht gelaunt durch den Tag bringen, dabei alles besser wissen und darauf bedacht sind, am Abend frühzeitig wieder nach Hause zu kommen.
«Manchmal ergreift das Altern zuerst denKörper, manchmal aber auch den Geist.»Michel Eyquem de Montaigne
Auf der anderen Seite sehe ich die «Älteren», die Weisheit erlangt haben. Ich beginne, diese Menschen bewusst wahrzunehmen, an ihnen für mich immer wieder abzulesen, wie wichtig ein paar elementare Dinge sind: Humor, vielfältige Kontakte, Aktivität, Beweglichkeit. Anders als in der Zeit de Montaignes haben wir heute auch viel mehr Möglichkeiten, zu verhindern, dass das Altern den Körper und den Geist «ergreift» — wir können den Prozess verlangsamen.
Ein Workaholic war ich bestimmt nie. Schon in jungen Jahren nahm ich verschiedenste Stellen an und hielt meinen gelernten Beruf, Lehrer, quasi nur noch in Reserve. Es waren immer Teilzeitanstellungen. Ich fand sie leicht; es waren — mit Einbrüchen kleinerer Krisen — lange Jahrzehnte wirtschaftlichen Aufschwungs, das Angebot an Nischenjobs gross. Das Einkommen genügte für meine bescheidenen materiellen Ansprüche immer. So machte ich mir um meine existenzielle Zukunft keine Sorgen, war mal Öffentlichkeitsarbeiter, mal Gewerkschaftssekretär, mal Kursleiter ohne Diplom, mal Online-Journalist.
Rückblickend komme ich um die Einsicht nicht herum, dass ich mich immer um alles Mögliche – unter anderem Politik – gekümmert habe, viel zu wenig aber um meine eigenen Belange. Dazu hätte auch eine gute Weiterbildung gehört. Ich habe sie verpasst. Nun bin ich Ü63. Zeit, mir Gedanken über meine Rest-Aktivzeit zu machen. Ein Stubenhocker bin und werde ich, wenn es mein Bewegungsapparat erlaubt, sicher nicht. Zu gerne bin ich in der Natur, zu wichtig ist es mir, mobil zu bleiben. Zu gerne geniesse ich auch. Ich werde also aktiv bleiben. Ich will mich auch hier und dort weiter einmischen. Bloss: wie?
Seit längerem bin ich auf Stellensuche. Nur selten komme ich dabei überhaupt in die Nähe eines Erfolgs. Dass die Zeiten härter geworden sind und mein Alter eine grosse Hürde darstellt, das sind objektive Gegebenheiten. Man kann sie natürlich auch als Vorwand benützen, als vorauseilende Entschuldigung für zu kleines Engagement. Ich weiss, dass ich mehr tun müsste. Mein Ziel bezüglich Erwerbsleben bleibt dabei bescheiden und realistisch. Es kann eigentlich nur heissen: Anständig ins Rentenalter kommen. Auf jeden Fall will ich ein kaum entlöhntes, aber dennoch honoriertes Engagement weiterführen: kochen in einem grösseren Kulturbetrieb. Vielleicht eröffnet mir die demografische Entwicklung aber nochmals eine gute Jobchance. Starke Jahrgänge werden in den nächsten Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, geburtenschwache treten ein. Die Schweiz bewegt sich also auf einen Arbeitskräftemangel zu — falls es nicht die gesamte Wirtschaft immer weiter den Bach runterspült.
«Ältere Menschen bewerten neues Wissen immer aufgrund von Erfahrungen, meistens den eigenen. Dies ist einerseits eine Stärke, anderseits aber auch eine Ursache von Lernbarrieren», lese ich in einer Studie. Mit zunehmendem Alter bestehe die Gefahr, dass der immer grössere individuelle Erfahrungsschatz einen immer dichteren Filter darstelle, welcher Neues und Unbekanntes ausschliesse. Ältere Menschen müssten bewusst Raum für Neues schaffen. Damit dies gelinge, bedürfe es eines «gewollten Nichtwissens». Das gefällt mir. In letzter Zeit eigne ich mir täglich Wissen in Geografie, Sprachen, Archäologie, Wirtschaft und Kultur an. Damit bezwecke ich nichts. Aber es ist eine Massnahme dagegen, dass «das Altern den Geist ergreift». Eventuell locke ich damit ja noch einen späten Traumjob an ...
«Altern heisst, sich in zunehmendem Masse
überflüssig machen.»
Hellmut Walters
Montag, 31. Oktober 2011
Nebenjob kontra Bügelwäsche
Text: Katrin Wahl; Foto: Simone GloorDu musst. Diese zwei Worte standen permanent im Hintergrund, wenn ich mir den nächsten Auftrag, den nächsten Nebenjob suchte. Wie vielen anderen blieb auch mir nichts weiter übrig, als einen Zusatzverdienst zu finden, weil das eigentliche Einkommen nicht reichte. Nein, wir nagten nicht am Hungertuch, meine Kinder hatten immer etwas zum Anziehen, mussten auf keine Klassenfahrt verzichten. Aber dazu musste ich permanent etwas tun. Vermutlich geht es vielen Alleinerziehenden so.
Ich nahm daher neben dem «Schwarzbrotgeschäft» Termine wahr, schrieb, fotografierte, entwarf und layoutete, was das Zeug hielt. Ich hätte auch einen Job ablehnen können – allerdings nur theoretisch. Man macht es nur einmal, dann ist man draussen, so ist das Business. Also war oft Nachtschicht angesagt. Was immer zu kurz kam, war der Schlaf. Und die Bügelwäsche.
Jammern hat noch nie etwas genützt, sagte ich mir immer. Humor schon. So pflegte ich auf die Frage «Wann machst du das alles?» immer zu antworten: «Der Tag hat 24 Stunden, und wenn der nicht reicht, nehmen wir die Nacht noch dazu.» Sprüche dieser Art halfen, mir dumme Fragen vom Leib zu halten. Denn die kamen immer wieder. «Aber dein Ex zahlt doch wohl für die Kinder?» war dabei noch die harmloseste. Ich schaffe das, sagte ich mir immer wieder, wenn ich am PC sass oder zu einem Termin fuhr, obwohl ich wieder einmal so müde war, so unendlich müde. «Ich will, ich kann und ich werde genau das tun.»
Ich kenne niemanden, der sich freiwillig einen Nebenjob sucht. Aber ich verstehe jeden, der die Tatsache herunterspielt, dass er darauf angewiesen ist. Interessante Begründungen habe ich da schon gehört, von Extrageld für Ferien bis zum geistigen Ausgleich, den man dringend bräuchte. Ich lasse jedem sein Alibi, verstehe es sogar, wenn man eine solche Erklärung vorschiebt.
Es ist einerseits peinlich, wenn der Lohn der Arbeit nicht reicht, um damit ordentlich leben zu können. Andererseits brachte es mir auch positive Erfahrungen, denn in unserem Kulturkreis ist derjenige, der viel arbeitet, auch gut angesehen, fast schon bewundert. «Deine Power möchte ich haben!», hörte ich häufig. Wie viel Kraft es kostete, permanent auf vielen Hochzeiten zu tanzen, kann nur der nachvollziehen, der es kennt.
Glücklicherweise konnte ich diesen Umstand irgendwann beenden. Ich fand eine Stelle, die ordentlich bezahlt war. Von da ab hatte ich regelmässig Feierabend und meine Wochenenden für mich. Das ist eine wahre Kostbarkeit, die ich bis heute geniesse. Was mir blieb, ist das Bewusstsein: Ich kann, wenn ich muss.
Donnerstag, 29. September 2011
In achtzehn Monaten zwei Mal um die Welt

Text: Corinne Invernizzi; Foto: Peter Pfistner
Kaum hatte ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben, verkündete mir mein neuer Chef mit gebleckten Zähnen: «Das werden Sie nicht durchstehen – das gebe ich Ihnen schriftlich.» Verblüfft und ungläubig starre ich erst in das wölfisch lächelnde Gesicht meines Vorgesetzten, dann in meinen Arbeitsvertrag. Hatte ich etwa das Kleingedruckte zu rasch gelesen und einen Sklavenvertrag unterschrieben? «Es ist nicht der Job, an dem Sie scheitern werden, sondern die tägliche Pendlerei von zwei Mal mehr als 100 Kilometern!»
Wie ein Uhrpendel, das regelmässig hin und her schwingt, pendelte ich von jenem Tag an achtzehn Monate lang zwischen meinem Zuhause und meinem neuen Arbeitsort hin und her. Drei Stunden täglich verbrachte ich fortan im Tram, in der S-Bahn und im Zug. Um fünf Uhr ging mein Wecker, um sieben nach sechs mein Zug auf Gleis sieben. Pünktlich um halb acht betrat ich am Morgen mein Büro, das ich um sechs Uhr abends wieder verliess, um kurz vor acht daheim zu sein.
Da ich gegen den Strom fuhr, hatte ich jeden Tag ein Viererabteil nur für mich allein. Die Landschaft zog an mir vorbei und mit ihr die Jahreszeit. Ich sah, wie die Bauern im Frühjahr die Saat ausbrachten, wie sie im Sommer das Gras mähten, lernte ihr Vieh auf der Weide kennen und gab ihnen Namen. Ich beobachtete den Herbst, wie er die Früchte aus den Bäumen und den Feldern trieb und wie der Winter die brache Landschaft unter einem Mantel aus Frost und Schnee begrub.
Mein Abteil, das ich in stiller Vereinbarung mit den Schweizerischen Bundesbahnen für 3300 Franken im Jahr gemietet hatte, befand sich in der Mitte des zweiten Wagens hinter der Lok, in Fahrrichtung rechts. Da ich Tag für Tag im selben Zugabteil fuhr, wurden mir die anderen Pendler zu stummen Vertrauten. Schlaftrunken am Morgen und ausgelaugt am Abend, tauschten wir selten ein Wort miteinander. Unsere Namen und unsere Lebensgeschichten kannten wir nicht, trotzdem vermissten wir uns, blieb der gewohnte Platz, auf dem wir sassen, einmal unbesetzt.
Das Viererabteil wurde zur Insel ungestörter Stunden, einzig unterbrochen vom Kondukteur, in denen ich die Zeit wieder gewann, die mir im Verlaufe des Tages und der Nacht abhandengekommen waren. Wie ein Chamäleon seine Farben veränderte, veränderte dieser Ort des Rückzugs seine Funktion als Raum. 1125 Stunden wurde er zum Lesezimmer, in dem ich Tausende von Seiten las, zu meinem Büro, in dem ich Konferenzen vorbereitete und Situationsanalysen erstellte, zum Esszimmer, zur Stube, zum Ruheraum.
Anders erging es meiner Freundin. Sie bereiste mit dem Strom eine der meist befahrenen Strecken der Schweiz. Zusammen mit Hunderten von müden und gestressten Menschen transportierte man sie eingepfercht wie Vieh. Allein die kleinen Hunde, die unter den Sitzbänken Platz fanden, und die Babys in ihren Kinderwagen schienen die Fahrt ausgestreckt und zufrieden schlafend zu geniessen.
Nach achtzehn Monaten und 82 500 zurückgelegten Kilometern beendete ich meine Reise als Pendlerin. Der Abschied von meinem Büro, in dem ich mehr als 3000 Stunden zugebracht hatte, fiel mir leicht, nicht aber der von meinem Viererabteil, vom Vieh auf der Weide und den anderen Pendlern, deren Namen ich nicht weiss.
Donnerstag, 1. September 2011
Lieber warm sitzen als kalt schwitzen
Text: Maria Savoldelli; Foto: Simone Gloor
Ein altes Fachwerkhaus im Zürcher Unterland. Es ist Spätherbst als wir, eine Vierer-WG von Studierenden, die untere von zwei Wohnungen beziehen. Wir diskutieren darüber, wie wir das Haus warm kriegen. Zur Auswahl stehen eine mit Erdöl betriebene Heizung und ein Holzofen. Ich plädiere für den Einsatz von erneuerbarer Energie, sprich Holz. Scheite liegen in rauen Mengen gleich gegenüber in der Scheune gestapelt. Alle stimmen mir zu.
Ich übernehme das Einfeuern am Morgen, denn ich stehe als Erste um sechs Uhr auf. Dafür brauche ich nur selten abzuwaschen. Der Holzofen steht gleich neben dem Kochherd und ist mit den Heizkörpern im ganzen Haus verbunden. Ich nehme zuerst die unterste Schublade raus. Sie ist gefüllt mit Holzasche vom Vorabend. Im Pyjama kippe ich die volle Schublade vor der Haustüre in einen Kübel. Ein starker Wind bläst mir die Asche ins Gesicht. Ich puste. Zurück in der Küche stelle ich fest, dass der Holzvorrat alle ist. Also nochmals raus in die Kälte und rüber in die alte Scheune. Ich staple Holzscheite in eine Kiste, schleppe diese retour in die Küche und zünde im Ofen ein Feuer an. Danach nehme ich im ungeheizten Bad eine lauwarme Dusche und steige fröstelnd in meine Kleider. Meine Mitbewohner strecken langsam die Füsse aus ihren Betten. Schlaftrunken schlurfen sie in die inzwischen wohlig warme Küche und trinken ihren ersten Kaffee. Ich eile aus dem Haus und schnappe den Bus zum Bahnhof. Endlich tauen meine klammen Finger auf.
Einmal pro Woche verbringe ich den Tag zu Hause und lerne. Mein Zimmer liegt am weitesten von der Küche entfernt. Deshalb wärme ich meine Hände mit einer Tasse heissen Tees, meine Füsse stecken in dicken Wollsocken, und ich trage eine Faserpelzjacke. Nach geraumer Zeit gelangt die Wärme auch in mein Zimmer. Häufig vergesse ich jedoch, Holz nachzulegen, so dass das Feuer erlischt und ich auch nach mehreren Stunden immer noch friere. Fluchend mache ich mich auf den Weg in die Küche und fache im Holzofen ein neues Feuer an. Irgendwie will es mir nicht gelingen, ein Feuer zu machen, ohne dass sich dabei Rauchschwaden in der Küche ausbreiten.
Unser Vorrat an Holzscheiten in der Scheune ist fast aufgebracht. Wir nutzen einen sonnigen Samstagnachmittag, um einen Meter lange Holzprügel in handliche Scheite zu zerkleinern. Das Holz stammt vom Vorvormieter, ist alt und staubig. Als ersten Schritt müssen wir die Spälte zersägen. Am Ende des Nachmittags haben wir genügend Holz für den Rest des Winters gesägt. Wir sind von Kopf bis Fuss mit Holzstaub bedeckt. Der Nachbar lädt uns zu einem lauwarmen Lagerbier ein. Prost! Nach einer Dusche hacken wir das gesägte Holz in feine Scheite. Ich gehe dabei ebenso geschickt vor wie beim Feuer machen. Als ich mir mit der Axt beinahe in mein Schienbein haue, erbarmen sich die anderen WG-Mitglieder meiner und übernehmen meinen Anteil Arbeit.
Am Abend beschliessen wir einstimmig, dass erneuerbare Energien eine gute Sache sind, eine Ölheizung aber eine technologische Errungenschaft darstellt, die wir von nun an nutzen wollen. Umweltschutz in Ehren: In diesem Fall wählen wir die bequeme Lösung. Seither brauche ich morgens nur den Schalter am Heizkörper aufzudrehen, und in wenigen Minuten dringt wohlige Wärme in mein Zimmer.
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