Text: Christian Keller; Foto: Robert Hansen
«Was muss das für ein Ignorant sein, der diese Plakate nebeneinandergehängt hat!» Zugegeben, was mir bei der Entdeckung dieser Plakat-Zwillinge im Zürcher Hauptbahnhof durch den Kopf ging, ist wenig schmeichelhaft. Wie kommt ein vernünftiger Mensch bloss dazu, neben dieses an Traurigkeit kaum zu überbietende Plakat der Unicef, das in Schwarzweiss eine Mutter zeigt, die ihrem schwachen Kind mit einem riesigen Löffel ein bisschen Nichts verfüttert, wie kann man neben dieses Plakat mit der Botschaft «Hunger ist schrecklich» ausgerechnet die Werbung eines Fastfood-Anbieters hängen: mit dieser weichgezeichneten Photoshop-Blonden, die mit ihrem lasziven Blick die Aufmerksamkeit der Vorbeigehenden erheischen will, und dem überproportionierten Hamburger in satten Rot- und Orangetönen, die ihre Wirkung im Unterbewusstsein entfalten und den Appetit wecken? Tränendrüsen gegen Magensäfte – ein ungleicher Kampf.
Wir sind uns von der Werbewirtschaft ja einiges an Unzumutbarem gewohnt. In der Absicht, unsere Konsumgewohnheiten zu beeinflussen, bombardiert uns die Verführungsindustrie tagtäglich mit ihren Elaboraten. Wir haben gelernt, damit umzugehen, Werbung auszublenden, zu ignorieren. Unzählige Menschen gehen jeden Tag an diesem ungleichen Plakatpaar vorbei. Wie viele nehmen wahr, was da hängt? Und: Was löst die Kombination in den Menschen wohl aus, denen sie auffällt? Bei mir hat die anfängliche Fassungslosigkeit bald einem Nachdenken Platz gemacht, einem Nachdenken über den Überfluss in unserer Gesellschaft und unseren Umgang damit.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass der Plakatierer, der da an so prominentem Ort diese beiden Plakate einander gegenübergestellt hat, vielleicht doch kein gedankenloser Ignorant war.