Mittwoch, 27. Januar 2010

Aufräumcoach für geplagte Eltern


Text: Miriam Bollhalter; Foto: Simone Gloor

Das Neueste auf dem Berufsfeld – zumindest für mich – entdeckte ich, als ich neulich in der Tagespresse mehrfach das Inserat «Aufräumen mit Kindern – Kurs für geplagte Eltern» sah. Ja, Sie lesen richtig, «geplagte Eltern» können einen Aufräumkurs besuchen, besser wohl: gegen Bezahlung absolvieren und zwar in Zürich. Ein Aufräumcoach, so Inserat, gibt das Wissen auf diesem Gebiet an einem Samstag zwischen neun und dreizehn Uhr zum Besten.
Unklar ist, ob die Eltern die Kinder in den Kurs mitnehmen oder nicht. Wenn nicht, ist klar, bei wem der Coach den Hebel ansetzt: nämlich bei den Eltern. Wenn ja, bliebe es offen, ob im Kurs den Kindern der Ordnungssinn direkt nahegelegt wird.

Einmal besuchte ich mit meinem Nachwuchs einen Kurs, und das habe ich noch in lebendiger Erinnerung, vor einigen Jahren in dem berühmten «MuKi»-Turnen. Da turnt frau mit ihrem Kind zusammen, im Gegensatz zum «VaKi»-Turnen, bei dem die Papis gefordert sind. Wir machten da zum Beispiel eine halbe Stunde eine Übung, die Segelschiffe nachahmen sollte, genauer: Ich musste die ganze Turnhallenlänge im Sitz mit wellenförmigen Bewegungen mit meinem zappelnden Sohn auf dem Schoss etwa zehnmal «durchsegeln». Fazit: Hinterher war ich erledigt und der Kleine immer noch putzmunter. Eine Erfahrung, die sich im «MuKi»-Rahmen wiederholte. Mit diesem Hintergrund ist meine Befürchtung bestimmt nachvollziehbar, dass nach einem Aufräumkurs wieder die Eltern erschöpft sind, während sich die Kinder weiterhin mühelos des Lebens erfreuen.

Gibt es wirklich Familien, die es nicht einmal mit den durchsichtigen Ikea-Containern, die in jeder Grösse erhältlich sind und zwar stapelbar, in ein Gestell einschiebbar, unter dem Bett versteck- oder auf dem Kleiderschrank aufsetzbar, schaffen, den Kinderkram so zu verstauen, dass sie den Überblick gewinnen?
Laut Kursinserat sieht es so aus, dass der Coach die Eltern nicht dazu anhalten wird, weniger materielle Güter – denn nur die muss man aufräumen – anzuhäufen. Denn weniger Konsum und somit Kinderzimmerüberflutung wäre gegen das angeblich notwendige Wachstum. Damit ist das wirtschaftliche Wachstum gemeint und nicht etwa das Wachstum der Kinder – dem wäre eher mit materiellem Rückgang gedient, nach dem Motto: Weniger ist manchmal mehr.
Und mit welchen Mitteln könnten die Erzieher den Problemnachwuchs dazu bringen, das Zimmer in Ordnung zu halten? Es schüttelt mich bei der Vorstellung der methodischen Ansätze, die einem solchen Coaching zugrunde liegen könnten! Und wenn ich mich nicht für die richtige Methode entscheiden kann? Das könnte Nebenwirkungen haben! Nein, ich bleibe beim Alten.

Wenn ich es mir recht überlege, habe ich eigentlich keinen Bedarf an Ratschlägen bezüglich der Wunschordnung im Kinderzimmer. Nicht, dass ich keine Kinder hätte, nein, bei uns funktioniert das Zimmeraufräumen, Gott sei dank, recht gut. Mein Sohn macht zwar nicht alles so ganz aus freien Stücken, aber er räumt gut auf. Eine klare «wenn - dann»-Verknüpfung motiviert ihn regelmässig zur Höchstleistung: Ist sein Zimmer in gutem Zustand (seinem Alter angemessen), darf er pro Tag eine halbe Stunde Medienzeit beziehen. So heisst bei uns das Pendeln zwischen TV, PC, PSP, Nintendo, iPod und Co.
Ja, ich weiss, diese Methode ist im Grunde alt, meine Eltern machten es mit uns genauso. Bloss wird die soziale Vererbung in diesem Fall kaum als Generationenvertrag gewürdigt – nach den heutigen Kuschelmassstäben würde man sie eher als Erpressung qualifizieren, und davor habe ich echt Angst. Bin ja doch eine gute Mutter.
Ich kaufe lieber weniger billigen Mist, gebe weiter, womit er nicht mehr spielt, hole mir für den Notfall den Gratiskatalog bei Ikea und verkaufe meinem Sohn gelegentlich gegen seine Aufräumwährung etwas Medienzeit – bin ja schliesslich nicht blöd!