Mittwoch, 24. Februar 2010

Endstation – bitte alle aussteigen!


Text: Anita Schuler; Foto: SBB

Der Postauto-Chauffeur hält zwei Sekunden inne, stellt sich vor die sitzenden Fahrgäste hin und blickt jedem fest in die Augen, bevor er frühmorgens die Pendler mit einem Lächeln begrüsst: «Guete Morge mitenand!» Ich bin nicht auf dem Land, wo man sich noch persönlich kennt und ständig mit Namen begrüsst, trotzdem ist auch in der Agglomeration ein bisschen Vertrautheit und viel Engagement möglich, wie mich dieser Fahrer glauben macht. Nach seiner Begrüssung setzt er sich gut gelaunt hinters grosse Steuer, richtet den Sitz, startet den Motor und fährt mich nach Winkel.
Reden mit dem Chauffeur ist verboten. Er muss sich auf den Verkehr konzentrieren. Werden darum die Haltestellen ab Tonband automatisch angesagt? Eine Frauenstimme sagt im Postauto jeweils 45 Sekunden vor dem nächsten Stopp die Haltestelle an. Ich wünschte mir öfter mal, eine tiefe Männerstimme würde diesen Dienst übernehmen. Im beruhigenden Bass oder als Otto-Waalkes-Stimme, die mich aufheitert. Doch Feldversuche der SBB haben ergeben, dass die Fahrgäste weibliche Stimmen bevorzugen. Frauen haben die deutlichere Aussprache und ihre Stimme wird als freundlich wahrgenommen.

Dummes System

Leider erkennt das einfältige System keine Fehler, zum Beispiel wenn es zum x-ten Mal «Endstation Rapperswil. Bitte alle aussteigen!» aus den Lautsprechern scheppert, obwohl die S5 noch immer durchs Zürcher Unterland fährt. Nach dem vierten Mal «Endstation Rapperswil. Bitte alle aussteigen!» nervt die fehlerhafte Ansage und ich frage mich, warum der Zugbegleiter dieses Ding nicht abstellt. Aber zu dieser Zeit fährt in der S5 kein Zugbegleiter mit.
Der Lokomotivführer könnte eingreifen – wenn er hörte, was in den Waggons schief läuft. Kann der Zug nicht weiterfahren, ist er es, der innerhalb dreier Minuten persönlich eine Statusmeldung durchgibt. Danach übernimmt das Operation Center Personenverkehr der SBB. Direkt und live von der Schaltzentrale Bern hält es die Passagiere über die Art des Problems auf dem Laufenden und wie lange es dauert, bis der Zug weiterfährt, und ob die Anschlusszüge warten. Wo die Technik versagt, greift der Mensch korrigierend ein. Sofern er es merkt.

Mensch oder Maschine?

Ob die Zugansagen ab Dose kommen oder ein Mensch live spricht, ist eine Frage der Ausrüstung. Neue Züge sind mit dualen Systemen bestückt: Bildschirme und Ansagen auf Band. Ältere Modelle müssen ohne diese Technik auskommen. Darum fährt in den grünen, nostalgisch anmutenden Bummelzügen ein Kondukteur mit. Es ist seine Aufgabe, jede Haltestelle persönlich anzukündigen. Dank seiner umgehängten roten Box – digitaler Billettentwerter und Online-Fahrplan in einem – sagt er kurz vor dem Aussteigen die Anschlüsse, die Abfahrtszeiten und das Abfahrtsgeleise durch. Auf diese persönlichen Durchsagen verlasse ich mich gern.

Tonalität ab Band

Weniger gefallen mir jedoch die Direktiven ab Band. Im Befehlston und dennoch bemüht freundlich weist mich die Rhätische Bahn an: «Fahrgäste nach Davos – bitte umsteigen!» Sie kann es auch freundlicher. Besonders nett tönt es nach dem Vereinatunnel: «Susch. Fermada sün dumonda.» Da ich kein Wort Rätoromanisch spreche – höchstens aus dem Italienischen den Sinn erahnen und bestenfalls erraten könnte – klingt diese Sprache mit den vielen Zisch- und Umlauten sympathisch. Trotz Stimme ab Band: Ich bleibe sitzen – nur des rätoromanischen Wohlklangs wegen.
Nach der Bündner Regionalbahn mit dem Intercity zurück ins urbane Unterland: Ich höre die Worte, lausche der Stimme und wähne mich im Flieger. Der Singsang der englischen Durchsage ab Band ähnelt dem bekannten «fasten your seat belt please» in den Flugzeugen. Fehlt nur noch, dass eine uniformierte SBB-Mitarbeiterin mit Handzeichen erklärt, wie die Schwimmwesten anzulegen sind und wo sich die Notausgänge befinden.

Verabschiedung

Stationen ansagen, Richtung ankündigen sowie eine Standardbegrüssung und eine ebensolche Verabschiedung – mehr kann die Stimme ab Band nicht. Der Chauffeur des Postautokurses 530 Flughafen Zürich–Bülach hingegen zaubert mir mit seinem persönlichen «Uf wiederluege mitenand. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag» ein Lächeln auf die Lippen. Das kann nur er.