
Text: Annamaria Ress-Karl; Foto: Zoo Zürich, Karsten Blum
Irgendwie erinnern mich die Schweizer an die Schildbürger. Das waren seltsame Leute. Alles, was sie taten, machten sie falsch. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie genauso, wie man es ihnen sagte. Bei den Schweizern zeigt sich diese Eigenart, wenn es um die deutsche Sprache geht, wie ich vor kurzem feststellen konnte. Eigentlich müssen wir Deutsch als Fremdsprache betrachten, weil wir uns manchmal recht schwer damit tun. Also lassen wir uns gerne auf alle Vorschläge und Leitfäden ein, die uns ein besseres oder sogar richtiges Deutsch vorgeben.
Unlängst startete die Schweizerische Bundeskanzlei einen zweiten Versuch, die Weiblichkeit in der Sprache einzuführen. «Geschlechtergerechte Texte stellen die Gleichstellung von Frau und Mann in der Sprache sicher», verspricht das Nachschlagewerk «Geschlechtergerechte Sprache». In Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften liess die Bundeskanzlei einen Sprachleitfaden für die Mitarbeitenden – man beachte die geschlechtsneutrale Bezeichnung – erarbeiten. Einige der darin enthaltenen Tipps sind nachvollziehbar. Es sind jedoch auch Vorschläge enthalten, die weder sinnvoll noch praktisch sind, geschweige den lesefreundlich. Zum Beispiel sollen nicht mehr «alle Teilnehmenden» die Prüfung bestehen, sondern «alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer». Ein «Buchhalterdiplom» wird geändert in «Buchhaltungsdiplom». Genauso mühsam und nicht angenehm zu lesen sind Strichbezeichnungen für die Anzeige der weiblichen Form, zum Beispiel Bürger/innen. «Das Elter» soll neu sogar geschlechtsneutral stehen für einen Elternteil – sowohl für den Vater als auch die Mutter.
Solche Ratschläge in einem Leitfaden bedingen, dass sie die Angestellten mit Augenmass umsetzen. Versuchen die Schreibenden krampfhaft, der Weiblichkeit gerecht zu werden, sind die Texte anstrengend und unschön zu lesen. Selbst dann, wenn die Sprachwissenschafterin Luise F. Pusch in der «NZZ am Sonntag» moniert: «Mit fast jedem Satz, in dem von Personen die Rede ist, erzeugt sie die Vorstellung einer männlichen Person.»
Das mag stimmen, doch scheint mir dennoch absurd, dass in vielen Texten – übrigens auch im Internet - Otto Normalverbraucher jetzt plötzlich Ottilie Normalverbraucherin an seiner Seite stehen haben soll. Der Leitfaden der Bundeskanzlei schlägt dies ebenfalls vor, unter dem Begriff «geschlechtsneutrale Bezeichnung». Obwohl dies eigentlich keinen Sinn macht. Die sinnvollen weiblichen Formulierungen und Ausdrücke haben hierzulande doch längst Einzug gehalten. Unsinnig sind zudem andere «geschlechtergerechte» oder neutrale Ausdrücke, die im Leitfaden der Bundeskanzlei vorkommen. Ein Lehrerzimmer wird zum Pausenzimmer umbenannt und bekommt damit auch eine neue Bedeutung. Wie übrigens der Fussgängerstreifen, der nun definitiv sein Geschlecht verlieren soll. Aber wer will schon – beim Wort genommen – über einen Zebrastreifen gehen? Man stelle sich das einmal vor – das arme Tier! Geschlechterneutral und –gerecht ist halt eben noch lange nicht tiergerecht.