
Text: Michael Helbling; Foto: Simone Gloor
Vor nicht allzu langer Zeit in einem nicht allzu fernen Land lebte einmal ein König. Er hatte alles, was er sich nur wünschen konnte und noch viel mehr. Vor allem litt er keinen Mangel an Bediensteten, die ihm das Leben erleichterten. Sie lasen ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Wenn er einmal keinen Wunsch hatte, lasen sie so lange, bis der König tief in sich ging und doch noch einen Wunsch fand. Bisweilen fand er Wünsche, von denen er nie geglaubt hatte, dass es sie gäbe. So lebte der König von einem Tag zum nächsten das geruhsamste und angenehmste Leben, das man sich nur denken kann.
Die Jahre zogen ins Land, und der König wähnte sich schon im Paradies auf Erden, hätten ihn nicht dann und wann Zweifel an seinem von Wünschen erfüllten Leben umgetrieben und um den Schlaf gebracht. Ihm blieb immer weniger Zeit, um mit seinen Herzögen und Edelleuten auszureiten oder auf die Jagd zu gehen, weil die Reihe der Bediensteten, die um eine Audienz bei ihm ersuchten, um ihm einen Wunsch zu erfüllen, immer länger wurde. Der König wurde zusehends gereizter und wusste sich ob der ganzen Annehmlichkeiten, die ihn umgaben, gar nicht mehr zu erfreuen.
Weil er die Bediensteten alle mit einem Goldstück für ihre Dienste entlöhnte, sah der König seinen ehedem unerschöpflichen Reichtum schwinden. War er bis dahin wegen seiner umgänglichen und sanftmütigen Art weitherum bekannt und beliebt, so hiess es unter den Bediensteten nun immer öfters, der König sei in letzter Zeit allzu reizbar. Es gebe bisweilen gar Tage, an denen er nicht einmal zufrieden zu stellen sei, wenn man ihm einen Wunsch von den Augen ablese.
Die Bediensteten verdrängten aber schnell alle Zweifel an ihrem Tun, denn wovon sollten sie leben und ihre Familien ernähren wenn nicht von den Goldstücken, die ihnen der König gab? Also machten sie ihm weiter ihre Aufwartung und erfüllten ihm immer mehr Wünsche, auf die er von selbst nie gekommen wäre. So trug es sich zu, dass die Bediensteten immer besser lebten, der König aber von Tag zu Tag ärmer wurde. Schliesslich musste er seine letzten Gewänder versetzen, um den Hunger seiner Diener nach Goldstücken stillen zu können. Er selbst hungerte immer mehr, derweil die Bediensteten immer feister und fauler wurden.
Der König heisst übrigens Kunde, und wenn er nicht gestorben ist, leidet er noch heute Hunger und verteilt Goldstücke an seine Bediensteten: die Telecomunternehmen, Krankenkassen, die Versicherungen und wer da sonst noch Wünsche erfüllt, wo keine sind.