
Text: Andreas Affolter; Foto: Urs Lindt
«Warum gibst du ihr nichts?», fragt mich mein Töchterchen leicht vorwurfsvoll. Obwohl ich versucht habe wegzuschauen, weiss ich, wovon sie spricht: Im Eingangsbereich des Einkaufszentrums steht eine junge Mutter mit einem Kinderwagen und streckt Passanten die hohle Hand entgegen. «Das ist doch eine Zigeunerin», sagt mein Kind beeindruckt und gibt ihr etwas Münz. Auf der Rolltreppe wird mir bewusst, was mich irritiert hat: Wir Schweizer sind nicht gewohnt zu zeigen, wie gut oder wie schlecht es uns geht. Alle sind wir Mittelstand: Der Reiche protzt nicht mit seinem Vermögen, der Arme kaschiert seine materielle Not. Und wenn jemand trotzdem mal über Geldsorgen klagt, heisst es postwendend: «Der sollte halt mal richtig arbeiten.»
Solch gedankenlose Sprüche treffen die Working Poor besonders. Der Begriff bezeichnet Leute, deren Lohn nicht ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Die Statistiker gehen von Haushalten aus, deren Mitglieder zusammen mindestens 36 Stunden pro Woche erwerbstätig sind. So kommen sie in der Schweiz auf rund 150 000 Working Poor. Eine(n) von ihnen möchte ich treffen, um ein Porträt zu verfassen. Deshalb frage ich bei den Stellen nach, von denen die alarmierenden Studien kommen: Universitäten, Hilfswerke, Gewerkschaften. Äusserst merkwürdig: Einen Kontakt kann mir innert nützlicher Frist niemand vermitteln.
Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass die Statistik übertreibt – doch ich wage an der Seriosität der Erhebung nicht zu zweifeln. Die wahrscheinlichere Erklärung lautet, dass sich die Working Poor nicht outen wollen. Wer gibt schon freiwillig zu, dass er für einen mickrigen Lohn schuftet? Und vor allem: Meistens sind die Betroffenen in sogenannt prekären Arbeitsverhältnissen tätig – das heisst, sie verdienen nicht nur wenig, sondern haben auch keine sichere Anstellung. Working Poor müssen jederzeit damit rechnen, dass der Arbeitgeber auf ihre Dienste verzichtet, wenn sie aufmucken und eine Gehaltserhöhung wollen.
Die Gewerkschaften fordern gesetzliche Mindestlöhne und Regelungen für Einsätze auf Abruf, weil es gerade für Tieflohnbranchen kaum Gesamtarbeitsverträge gebe. Langfristig sei keine Lösung, dass der Staat Working Poor Ergänzungsleistungen ausrichte; so subventioniere er indirekt miserabel zahlende Firmen.
Deshalb mein Aufruf: «Working Poor aller Branchen, vereinigt euch! Macht auf eure Situation aufmerksam. Gemeinsam habt ihr Chancen, eure Interessen durchzusetzen.» So könnte die Putzfrau des Reinigungsinstitutes, das für die Sauberkeit des Einkaufszentrums zuständig ist, beim Firmenlogo auf ihrem Kittel vermerken, wie viel – oder eben wie wenig – sie verdient. Wahrscheinlich würde meine Tochter dann sagen: «Papi, wie kommt sie nur über die Runden?», und ihr Kleingeld zustecken. Wenn die Arbeitgeber gleich sensibel reagieren, ist das Ziel des Protestes erreicht – und dies nicht nur für den Einzelfall.
Mehr dazu: Printausgabe «der arbeitsmarkt» 11/2010