Mittwoch, 30. November 2011

Einsatzbereit für die Rest-Aktivzeit

Text: Peter Jeck; Bild: Peter Pfistner

Nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es keine alten Menschen. Es gibt nur alternde und ältere. Mit meinem Jahrgang 1948 gehöre ich zu Letzteren. Starken Trost vermag mir diese Elimination von «alt» aus der Sprachregelung allerdings nicht zu spenden. Dass jemand «älter» ist — älter als andere — kann er oder sie schon viel früher feststellen. Das gilt ja streng genommen für alle.

In Wirklichkeit fühle ich mich nicht immer, aber immer öfter alt, und die Redensart «An dem Tag, an dem dir am Morgen nichts weh tut, bist du tot» kann ich in ihrer blöden Wahrheit nicht mehr vergessen. Ein ganzer Strauss von gesundheitlichen Einschränkungen, darunter auch irreversible, melden sich mit Schmerzen, nachlassender Mobilität und generellem Mangel an Wohlbefinden. Ich verstehe erstmals ein Stück weit die vielen griesgrämigen Senioren, für die die Mitmenschen im öffentlichen Raum in erster Linie störende Hindernisse zu sein scheinen; die sich schlecht gelaunt durch den Tag bringen, dabei alles besser wissen und darauf bedacht sind, am Abend frühzeitig wieder nach Hause zu kommen.

«Manchmal ergreift das Altern zuerst denKörper, manchmal aber auch den Geist.»Michel Eyquem de Montaigne

Auf der anderen Seite sehe ich die «Älteren», die Weisheit erlangt haben. Ich beginne, diese Menschen bewusst wahrzunehmen, an ihnen für mich immer wieder abzulesen, wie wichtig ein paar elementare Dinge sind: Humor, vielfältige Kontakte, Aktivität, Beweglichkeit. Anders als in der Zeit de Montaignes haben wir heute auch viel mehr Möglichkeiten, zu verhindern, dass das Altern den Körper und den Geist «ergreift» — wir können den Prozess verlangsamen.

Ein Workaholic war ich bestimmt nie. Schon in jungen Jahren nahm ich verschiedenste Stellen an und hielt meinen gelernten Beruf, Lehrer, quasi nur noch in Reserve. Es waren immer Teilzeitanstellungen. Ich fand sie leicht; es waren — mit Einbrüchen kleinerer Krisen — lange Jahrzehnte wirtschaftlichen Aufschwungs, das Angebot an Nischenjobs gross. Das Einkommen genügte für meine bescheidenen materiellen Ansprüche immer. So machte ich mir um meine existenzielle Zukunft keine Sorgen, war mal Öffentlichkeitsarbeiter, mal Gewerkschaftssekretär, mal Kursleiter ohne Diplom, mal Online-Journalist.

Rückblickend komme ich um die Einsicht nicht herum, dass ich mich immer um alles Mögliche – unter anderem Politik – gekümmert habe, viel zu wenig aber um meine eigenen Belange. Dazu hätte auch eine gute Weiterbildung gehört. Ich habe sie verpasst. Nun bin ich Ü63. Zeit, mir Gedanken über meine Rest-Aktivzeit zu machen. Ein Stubenhocker bin und werde ich, wenn es mein Bewegungsapparat erlaubt, sicher nicht. Zu gerne bin ich in der Natur, zu wichtig ist es mir, mobil zu bleiben. Zu gerne geniesse ich auch. Ich werde also aktiv bleiben. Ich will mich auch hier und dort weiter einmischen. Bloss: wie?

Seit längerem bin ich auf Stellensuche. Nur selten komme ich dabei überhaupt in die Nähe eines Erfolgs. Dass die Zeiten härter geworden sind und mein Alter eine grosse Hürde darstellt, das sind objektive Gegebenheiten. Man kann sie natürlich auch als Vorwand benützen, als vorauseilende Entschuldigung für zu kleines Engagement. Ich weiss, dass ich mehr tun müsste. Mein Ziel bezüglich Erwerbsleben bleibt dabei bescheiden und realistisch. Es kann eigentlich nur heissen: Anständig ins Rentenalter kommen. Auf jeden Fall will ich ein kaum entlöhntes, aber dennoch honoriertes Engagement weiterführen: kochen in einem grösseren Kulturbetrieb. Vielleicht eröffnet mir die demografische Entwicklung aber nochmals eine gute Jobchance. Starke Jahrgänge werden in den nächsten Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, geburtenschwache treten ein. Die Schweiz bewegt sich also auf einen Arbeitskräftemangel zu — falls es nicht die gesamte Wirtschaft immer weiter den Bach runterspült.

«Ältere Menschen bewerten neues Wissen immer aufgrund von Erfahrungen, meistens den eigenen. Dies ist einerseits eine Stärke, anderseits aber auch eine Ursache von Lernbarrieren», lese ich in einer Studie. Mit zunehmendem Alter bestehe die Gefahr, dass der immer grössere individuelle Erfahrungsschatz einen immer dichteren Filter darstelle, welcher Neues und Unbekanntes ausschliesse. Ältere Menschen müssten bewusst Raum für Neues schaffen. Damit dies gelinge, bedürfe es eines «gewollten Nichtwissens». Das gefällt mir. In letzter Zeit eigne ich mir täglich Wissen in Geografie, Sprachen, Archäologie, Wirtschaft und Kultur an. Damit bezwecke ich nichts. Aber es ist eine Massnahme dagegen, dass «das Altern den Geist ergreift». Eventuell locke ich damit ja noch einen späten Traumjob an ...

«Altern heisst, sich in zunehmendem Masse
überflüssig machen.»
Hellmut Walters

Montag, 31. Oktober 2011

Nebenjob kontra Bügelwäsche

Text: Katrin Wahl; Foto: Simone Gloor

Du musst. Diese zwei Worte standen permanent im Hintergrund, wenn ich mir den nächsten Auftrag, den nächsten Nebenjob suchte. Wie vielen anderen blieb auch mir nichts weiter übrig, als einen Zusatzverdienst zu finden, weil das eigentliche Einkommen nicht reichte. Nein, wir nagten nicht am Hungertuch, meine Kinder hatten immer etwas zum Anziehen, mussten auf keine Klassenfahrt verzichten. Aber dazu musste ich permanent etwas tun. Vermutlich geht es vielen Alleinerziehenden so.

Ich nahm daher neben dem «Schwarzbrotgeschäft» Termine wahr, schrieb, fotografierte, entwarf und layoutete, was das Zeug hielt. Ich hätte auch einen Job ablehnen können – allerdings nur theoretisch. Man macht es nur einmal, dann ist man draussen, so ist das Business. Also war oft Nachtschicht angesagt. Was immer zu kurz kam, war der Schlaf. Und die Bügelwäsche.

Jammern hat noch nie etwas genützt, sagte ich mir immer. Humor schon. So pflegte ich auf die Frage «Wann machst du das alles?» immer zu antworten: «Der Tag hat 24 Stunden, und wenn der nicht reicht, nehmen wir die Nacht noch dazu.» Sprüche dieser Art halfen, mir dumme Fragen vom Leib zu halten. Denn die kamen immer wieder. «Aber dein Ex zahlt doch wohl für die Kinder?» war dabei noch die harmloseste. Ich schaffe das, sagte ich mir immer wieder, wenn ich am PC sass oder zu einem Termin fuhr, obwohl ich wieder einmal so müde war, so unendlich müde. «Ich will, ich kann und ich werde genau das tun.»

Ich kenne niemanden, der sich freiwillig einen Nebenjob sucht. Aber ich verstehe jeden, der die Tatsache herunterspielt, dass er darauf angewiesen ist. Interessante Begründungen habe ich da schon gehört, von Extrageld für Ferien bis zum geistigen Ausgleich, den man dringend bräuchte. Ich lasse jedem sein Alibi, verstehe es sogar, wenn man eine solche Erklärung vorschiebt.

Es ist einerseits peinlich, wenn der Lohn der Arbeit nicht reicht, um damit ordentlich leben zu können. Andererseits brachte es mir auch positive Erfahrungen, denn in unserem Kulturkreis ist derjenige, der viel arbeitet, auch gut angesehen, fast schon bewundert. «Deine Power möchte ich haben!», hörte ich häufig. Wie viel Kraft es kostete, permanent auf vielen Hochzeiten zu tanzen, kann nur der nachvollziehen, der es kennt.

Glücklicherweise konnte ich diesen Umstand irgendwann beenden. Ich fand eine Stelle, die ordentlich bezahlt war. Von da ab hatte ich regelmässig Feierabend und meine Wochenenden für mich. Das ist eine wahre Kostbarkeit, die ich bis heute geniesse. Was mir blieb, ist das Bewusstsein: Ich kann, wenn ich muss.

Donnerstag, 29. September 2011

In achtzehn Monaten zwei Mal um die Welt


Text: Corinne Invernizzi; Foto: Peter Pfistner

Kaum hatte ich meinen Arbeitsvertrag unterschrieben, verkündete mir mein neuer Chef mit gebleckten Zähnen: «Das werden Sie nicht durchstehen – das gebe ich Ihnen schriftlich.» Verblüfft und ungläubig starre ich erst in das wölfisch lächelnde Gesicht meines Vorgesetzten, dann in meinen Arbeitsvertrag. Hatte ich etwa das Kleingedruckte zu rasch gelesen und einen Sklavenvertrag unterschrieben? «Es ist nicht der Job, an dem Sie scheitern werden, sondern die tägliche Pendlerei von zwei Mal mehr als 100 Kilometern!»

Wie ein Uhrpendel, das regelmässig hin und her schwingt, pendelte ich von jenem Tag an achtzehn Monate lang zwischen meinem Zuhause und meinem neuen Arbeitsort hin und her. Drei Stunden täglich verbrachte ich fortan im Tram, in der S-Bahn und im Zug. Um fünf Uhr ging mein Wecker, um sieben nach sechs mein Zug auf Gleis sieben. Pünktlich um halb acht betrat ich am Morgen mein Büro, das ich um sechs Uhr abends wieder verliess, um kurz vor acht daheim zu sein.

Da ich gegen den Strom fuhr, hatte ich jeden Tag ein Viererabteil nur für mich allein. Die Landschaft zog an mir vorbei und mit ihr die Jahreszeit. Ich sah, wie die Bauern im Frühjahr die Saat ausbrachten, wie sie im Sommer das Gras mähten, lernte ihr Vieh auf der Weide kennen und gab ihnen Namen. Ich beobachtete den Herbst, wie er die Früchte aus den Bäumen und den Feldern trieb und wie der Winter die brache Landschaft unter einem Mantel aus Frost und Schnee begrub.

Mein Abteil, das ich in stiller Vereinbarung mit den Schweizerischen Bundesbahnen für 3300 Franken im Jahr gemietet hatte, befand sich in der Mitte des zweiten Wagens hinter der Lok, in Fahrrichtung rechts. Da ich Tag für Tag im selben Zugabteil fuhr, wurden mir die anderen Pendler zu stummen Vertrauten. Schlaftrunken am Morgen und ausgelaugt am Abend, tauschten wir selten ein Wort miteinander. Unsere Namen und unsere Lebensgeschichten kannten wir nicht, trotzdem vermissten wir uns, blieb der gewohnte Platz, auf dem wir sassen, einmal unbesetzt.

Das Viererabteil wurde zur Insel ungestörter Stunden, einzig unterbrochen vom Kondukteur, in denen ich die Zeit wieder gewann, die mir im Verlaufe des Tages und der Nacht abhandengekommen waren. Wie ein Chamäleon seine Farben veränderte, veränderte dieser Ort des Rückzugs seine Funktion als Raum. 1125 Stunden wurde er zum Lesezimmer, in dem ich Tausende von Seiten las, zu meinem Büro, in dem ich Konferenzen vorbereitete und Situationsanalysen erstellte, zum Esszimmer, zur Stube, zum Ruheraum.

Anders erging es meiner Freundin. Sie bereiste mit dem Strom eine der meist befahrenen Strecken der Schweiz. Zusammen mit Hunderten von müden und gestressten Menschen transportierte man sie eingepfercht wie Vieh. Allein die kleinen Hunde, die unter den Sitzbänken Platz fanden, und die Babys in ihren Kinderwagen schienen die Fahrt ausgestreckt und zufrieden schlafend zu geniessen.

Nach achtzehn Monaten und 82 500 zurückgelegten Kilometern beendete ich meine Reise als Pendlerin. Der Abschied von meinem Büro, in dem ich mehr als 3000 Stunden zugebracht hatte, fiel mir leicht, nicht aber der von meinem Viererabteil, vom Vieh auf der Weide und den anderen Pendlern, deren Namen ich nicht weiss.

Donnerstag, 1. September 2011

Lieber warm sitzen als kalt schwitzen


Text: Maria Savoldelli; Foto: Simone Gloor

Ein altes Fachwerkhaus im Zürcher Unterland. Es ist Spätherbst als wir, eine Vierer-WG von Studierenden, die untere von zwei Wohnungen beziehen. Wir diskutieren darüber, wie wir das Haus warm kriegen. Zur Auswahl stehen eine mit Erdöl betriebene Heizung und ein Holzofen. Ich plädiere für den Einsatz von erneuerbarer Energie, sprich Holz. Scheite liegen in rauen Mengen gleich gegenüber in der Scheune gestapelt. Alle stimmen mir zu.

Ich übernehme das Einfeuern am Morgen, denn ich stehe als Erste um sechs Uhr auf. Dafür brauche ich nur selten abzuwaschen. Der Holzofen steht gleich neben dem Kochherd und ist mit den Heizkörpern im ganzen Haus verbunden. Ich nehme zuerst die unterste Schublade raus. Sie ist gefüllt mit Holzasche vom Vorabend. Im Pyjama kippe ich die volle Schublade vor der Haustüre in einen Kübel. Ein starker Wind bläst mir die Asche ins Gesicht. Ich puste. Zurück in der Küche stelle ich fest, dass der Holzvorrat alle ist. Also nochmals raus in die Kälte und rüber in die alte Scheune. Ich staple Holzscheite in eine Kiste, schleppe diese retour in die Küche und zünde im Ofen ein Feuer an. Danach nehme ich im ungeheizten Bad eine lauwarme Dusche und steige fröstelnd in meine Kleider. Meine Mitbewohner strecken langsam die Füsse aus ihren Betten. Schlaftrunken schlurfen sie in die inzwischen wohlig warme Küche und trinken ihren ersten Kaffee. Ich eile aus dem Haus und schnappe den Bus zum Bahnhof. Endlich tauen meine klammen Finger auf.

Einmal pro Woche verbringe ich den Tag zu Hause und lerne. Mein Zimmer liegt am weitesten von der Küche entfernt. Deshalb wärme ich meine Hände mit einer Tasse heissen Tees, meine Füsse stecken in dicken Wollsocken, und ich trage eine Faserpelzjacke. Nach geraumer Zeit gelangt die Wärme auch in mein Zimmer. Häufig vergesse ich jedoch, Holz nachzulegen, so dass das Feuer erlischt und ich auch nach mehreren Stunden immer noch friere. Fluchend mache ich mich auf den Weg in die Küche und fache im Holzofen ein neues Feuer an. Irgendwie will es mir nicht gelingen, ein Feuer zu machen, ohne dass sich dabei Rauchschwaden in der Küche ausbreiten.

Unser Vorrat an Holzscheiten in der Scheune ist fast aufgebracht. Wir nutzen einen sonnigen Samstagnachmittag, um einen Meter lange Holzprügel in handliche Scheite zu zerkleinern. Das Holz stammt vom Vorvormieter, ist alt und staubig. Als ersten Schritt müssen wir die Spälte zersägen. Am Ende des Nachmittags haben wir genügend Holz für den Rest des Winters gesägt. Wir sind von Kopf bis Fuss mit Holzstaub bedeckt. Der Nachbar lädt uns zu einem lauwarmen Lagerbier ein. Prost! Nach einer Dusche hacken wir das gesägte Holz in feine Scheite. Ich gehe dabei ebenso geschickt vor wie beim Feuer machen. Als ich mir mit der Axt beinahe in mein Schienbein haue, erbarmen sich die anderen WG-Mitglieder meiner und übernehmen meinen Anteil Arbeit.

Am Abend beschliessen wir einstimmig, dass erneuerbare Energien eine gute Sache sind, eine Ölheizung aber eine technologische Errungenschaft darstellt, die wir von nun an nutzen wollen. Umweltschutz in Ehren: In diesem Fall wählen wir die bequeme Lösung. Seither brauche ich morgens nur den Schalter am Heizkörper aufzudrehen, und in wenigen Minuten dringt wohlige Wärme in mein Zimmer.

Mittwoch, 29. Juni 2011

Meine Liebe zur Natur


Text: Jonas Baud, Foto: Simone Gloor

Seit acht Jahren wohne ich in Zürich und geniesse das Grossstadtleben. In meiner Kindheit erlebte ich jedoch das absolute Kontrastprogramm. Ich bin in einem Dorf inmitten der malerischen Oberaargauer Hügellandschaft aufgewachsen – dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Es gibt heute noch Momente, in denen mich ein nostalgisches Heimweh packt. Dann fahre ich mit dem Zug in meinen ehemaligen Wohnort und unternehme ausgedehnte Spaziergänge. Ich blicke sehr gerne zurück auf meine Kindheit. Es war für mich ideal, diese unbeschwerte Lebensphase auf dem Land zu verbringen, fernab von urbaner Hektik. Wir wohnten zur Miete in einem alten Bauernhaus, doch waren meine Eltern nicht in der Landwirtschaft tätig.

Das «Bauern» war aber das grösste Hobby unseres Nachbarn. Er besass vier Kühe, die im Stall untergebracht waren. Faszinierend war es für mich, ihn beim Melken zu beobachten. Er machte dies noch von Hand ohne die Hilfe von Maschinen und kauerte dabei auf einem höchst unbequemen Stuhl mit nur einem Holzbein. Ein Höhepunkt war es auch, wenn der Nachbar mit dem Traktor das Gras mähen ging und ich mitfahren durfte.

Wir Kinder konnten uns in der Natur richtig austoben. Verbotene Aktivitäten übten auf uns einen besonders grossen Reiz aus. Gerne kletterte ich im Sommer auf die Kirschbäume des Nachbarn und tat mich gütlich an den reifen Früchten. Erwischt wurde ich dabei nie. Das schlechte Gewissen meldete sich trotzdem. Als Wiedergutmachung sah ich mich verpflichtet, bei den anfallenden Arbeiten mitzuhelfen. Beispielsweise mistete ich oft den Kuhstall aus oder ging mit dem Hofhund spazieren.

Nicht nur daheim kam ich mit der Natur in Berührung. Ich besuchte in Langenthal die Rudolf Steiner Schule. In der neunten Klasse war es dort obligatorisch, ein sogenanntes «Bauernpraktikum» zu absolvieren. Dabei ging es darum, während zweier Wochen den beruflichen Alltag eines biodynamischen Landwirts kennenzulernen und bei seiner Familie zu wohnen. Ein Heimspiel für mich, war meine naive Annahme.

Hart auf dem Boden der bäuerlichen Realität landete ich am ersten Morgen, als mich der Hausherr um fünf Uhr morgens eher unsanft aus einem schönen Traum weckte. Innert einer Viertelstunde sollte ich bereitstehen, um im Stall mitzuhelfen. Zuerst dachte ich, dass ich es an diesem Ort nicht lange aushalten würde. Doch der erste Eindruck täuschte – der Bauer entpuppte sich als Schaf im Wolfspelz. Ich spürte jedoch am eigenen Leib, wie hart der Arbeitstag eines Bauern ist. An den Abenden war ich jeweils hundemüde. Zu meinen Aufgaben gehörte das Füttern der Tiere, das Jäten von Unkraut und das Ernten von Runkelrüben oder Kartoffeln. Ansonsten setzte man mich überall dort ein, wo gerade eine helfende Hand gebraucht wurde.

Ich war damals 15 Jahre alt, für mich war es noch ungewohnt, für längere Zeit weg zu sein von Zuhause. Doch damit hatte ich kein Problem. Ich erhielt in dieser Zeit sicherlich einen lehrreichen Einblick in ein Berufsbild, merkte jedoch ziemlich bald, dass eine landwirtschaftliche Karriere nicht meinen Fähigkeiten und Interessen entsprach. Geblieben ist aber meine Liebe zur Natur.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Das Internet vergisst nicht


Text: Simon Wolanin, Foto: Simone Gloor

«Und was bringt mir das genau?», war meine Reaktion, als mir ein Kollege das erste Mal von Facebook erzählte. Eigentlich kann ich diese Frage bis heute nicht wirklich beantworten. Trotzdem bin auch ich inzwischen einer der 2,6 Millionen Schweizer, die ein Profil beim beliebtesten sozialen Netzwerk eingerichtet haben. Es ist fast unmöglich, sich dem Social-Media-Hype zu entziehen. Soziale Netzwerke scheinen ein tief verwurzeltes Mitteilungsbedürfnis in uns anzusprechen. Anders ist es kaum zu erklären, dass über 670 Millionen Menschen weltweit Mitglied bei Facebook sind.

Facebook, Twitter und Co. verführen offensichtlich zum virtuellen Seelenstrip. Da erfahre ich Dinge über meine Freunde, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Per Statusmeldungen werde ich bombardiert mit belanglosen Problemchen und banalen Sinnkrisen. Ein Kollege wechselt seinen Beziehungsstatus wie ich meine Unterwäsche. Da fühlt man sich wie ein Psychiater – ohne Bezahlung, versteht sich. Um ein Zeichen zu setzen, bin ich der Gruppe «Warum erzählt mir JEDER seine Sorgen? Bin ich Seelenklempner?» beigetreten. Bisher ist die Botschaft leider noch nicht angekommen.

Auch im Arbeitsalltag kann man mit einer zu offenen Kommunikation über soziale Medien schnell ins Fettnäpfchen treten. Ein ehemaliger Arbeitskollege musste dies auf schmerzliche Art und Weise erfahren. Er meldete sich krank – eine Grippe habe ihn erwischt, an Arbeiten sei nicht zu denken. Zu dumm, dass am selben Tag verhängnisvolle Fotos auf Facebook auftauchten. Diese zeigen den Patienten in ausgelassener Feierlaune an einer Party mit Bierglas in der Hand. Es kam, wie es kommen musste: In der Firma verbreitete sich die Kunde rasant, und die Geschäftsleitung erfuhr davon. Selbstredend war der Chef alles andere als begeistert über die vermeintliche «Wunderheilung» und feuerte den Partylöwen fristlos.

Immer wieder kommt es vor, dass sich meine Freunde via Facebook über ihren Job beschweren. «Hat irgendjemand meine Motivation gesehen?», schrieb kürzlich eine Kollegin, die sich in ihrem Beruf als Immobilienfachfrau zu Tode langweilt. Scheinbar sind sich nur wenige bewusst, welch weitreichende Konsequenzen solche Aussagen haben können. Inzwischen legendär ist die Geschichte einer Angestellten aus den USA, die auf Facebook über ihren Boss lästerte. «Oh mein Gott, ich hasse meinen Job», schrieb sie in grossen Buchstaben. Die Praktikantin hatte dummerweise vergessen, dass sie ihren Chef als Freund hinzugefügt hatte. So konnte dieser alles mitlesen und feuerte sie gleich via Facebook. Kimberley Swann aus England erging es nicht besser. Die 16-Jährige schrieb in ihrem Facebook-Status, dass sie die Arbeit als Sachbearbeiterin langweilig finde. Als ihr Boss den Eintrag entdeckte, flatterte ihr die Kündigung ins Haus.

Daten zu veröffentlichen, ist mittlerweile ein Kinderspiel – nicht aber, diese wieder zu löschen. Dazu folgende Geschichte: Ein Kollege wurde an einer Party Arm in Arm mit einer hübschen Blondine fotografiert und dachte sich nichts weiter dabei. Am nächsten Tag meldete sich seine Freundin bei ihm, völlig aufgewühlt. Sie hatte auf Facebook das Bild entdeckt und gab dem «Schürzenjäger» den Laufpass. Obwohl er gar kein Profil auf Facebook hatte, hat ihn das soziale Netzwerk seine Beziehung gekostet. Man sollte sich also gut überlegen, was für Informationen man über soziale Netzwerke preisgeben will. Denn das Internet vergisst nie.

Dienstag, 3. Mai 2011

Vom Preis der Würde


Text: Kujtim Sabani, Foto: Simone Gloor

Egal, was wir machen: Motivation brauchen wir immer. Ohne Motivation würden wir am Morgen gar nicht aufstehen, erst recht nicht um fünf Uhr, wie ich es tat, als ich in einem Verteilzentrum arbeitete. Während dieser Zeit wachte einmal mein dreijähriger Sohn auf und fing an zu schreien: «Nein, geh nicht weg! Nein …» Er konnte nicht wissen, dass es darum ging, für die Familie – und damit auch für ihn – aufzukommen. Seine Schreie hallten mir den ganzen Tag in den Ohren wider.

«Wenn ich einen Uniabschluss hätte, wäre ich bestimmt nicht hier», hörte ich eine Mitarbeiterin in der Kantine zu ihrem Kollegen sagen. Ich fühlte mich angesprochen und bat sie, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. «Du hast doch nicht in der Schweiz studiert – oder?», fragte sie verunsichert. Sie konnte es schlechthin nicht nachvollziehen, dass ein Akademiker solche Arbeiten ausüben musste, noch dazu einer, der in der Schweiz abgeschlossen hat. Was wir beide nicht wussten: In dem Zentrum gab es noch mindestens vier weitere Akademiker. Sie kamen aus Schwarzafrika, Russland und Polen. Einer hatte in Deutschland Recht studiert. Und im benachbarten Verteilzentrum führte ein Schweizer Akademiker, von Beruf Philosoph, solche Arbeiten aus. Im «Lager», wie wir unseren Arbeitsort nannten, waren wir dazu verurteilt, Routinearbeiten auszuführen, für die es keinerlei Qualifizierung braucht – Waren einlagern, schleppen, sortieren und so weiter. Die Abteilungsmanagerin – an sich eine bewundernswerte Frau – sei von Beruf Coiffeuse, hiess es.

Hätte man diesen Hochqualifizierten nicht eine anspruchsvollere Arbeit anvertrauen können? Was bringt diese Menschen dazu, untergeordnete Funktionen auszuüben? Wie viele Kinder müssen sie unterhalten? Oder gar: wie viele Familien? Solche Fragen gingen mir des Öftern durch den Kopf. Tarkan etwa, der ein Literaturbegeisterter war und «für sich selbst» Filmszenarien schrieb, hätte sehr gerne studiert, aber die Familie in der Türkei war auf seine materielle Unterstützung angewiesen.

Es fragt sich, ob die Motivation irgendwann mal nachlässt. Meine Erfahrung im Verteilzentrum lieferte mir einen Beleg dafür, dass sie sogar zunehmen kann: Hans war in einer anderen Firma ordentlich pensioniert worden und wollte dennoch weiterarbeiten. Als wir im Verteilzentrum – ausnahmsweise – einmal eine ganze Stunde Mittagspause machen durften, hielt er es nicht aus. Nach einer dreiviertel Stunde – so lange machten wir normalerweise Pause – rannte er zurück an die Arbeit. Er fiel uns nicht nur mit seinem Fleiss auf. Nach der Arbeit zog er Jackett und Krawatte an und ging oft zu Fuss nach Hause. Dabei legte er eine Strecke von etwa fünf Kilometer zurück. Mit seinem Verhalten sorgte Hans für viel Gesprächsstoff im Verteilzentrum. Die älteren Arbeitskollegen erzählten von dem Tag, als seine Frau in den Notfall musste. Die Firma wurde informiert, und sie erlaubte Hans, sofort zu seiner Frau zu gehen. Darauf soll Hans gesagt haben, er mache zuerst den Auftrag fertig, bevor er gehe. Mit seinem Eifer erinnerte er mich an meinem Grossvater. Selbstverständlich fragten wir uns immer wieder, woher Hans seine Motivation schöpfte.

Im Verteilzentrum arbeitete auch ein Mitarbeiter um die vierzig, ein Akademiker, der zudem einen Titel in Bodybuilding führte. Merkwürdigerweise hatte er die Angewohnheit, körperlich anstrengende Arbeit zu meiden, wo immer er konnte, was mit seiner einprägsamen Erscheinung merkwürdig kontrastierte. Ich fragte mich, warum er wohl die schweren Arbeiten anderen überliess, obwohl es Gründe dafür geben mag: Bei schlechter Entlöhnung und geistiger Unterforderung nimmt die Motivation ab, erst recht, wenn man aus nicht nachvollziehbaren Gründen auch noch diskriminiert wird. Er brachte bestimmt bessere Voraussetzungen mit als viele andere, die auf den verschiedenen Managementebenen des Unternehmens beschäftigt waren.

Ich habe einen anderen Weg gewählt. Anstatt mich in einer bequemen Nische einzurichten und die schweren Arbeiten anderen zu überlassen, kündigte ich nach anderthalb Jahren die Stelle im Verteilzentrum. Empfehlen kann ich das allerdings nicht. Der Ordner mit den Arbeitsbemühungen um einen Job im erlernten Beruf wird immer umfangreicher, und ich bin noch immer ohne Arbeit.

Dafür kann ich heute meinen Sohn wieder zu Bett bringen. Als ich noch im Verteilzentrum arbeitete, ging das nicht, denn ich schlief oft vorher ein. Einmal hatte er eine «Niederlage» hinnehmen müssen und wollte nicht mit Reden aufhören. Irgendwann musste ich ihn auffordern, zu schlafen. Nach einer Pause wollte er seinen Gehorsam bestätigen und meldete sich: «Siehst du, dass ich nicht mehr rede?» Auf meinen ernsten Blick hin deckte er sein Gesicht mit der Decke zu. Kurz darauf sagte er: «Papi, wir sind stark!», und kehrte mir den Rücken. Diese Worte machten mir Mut. Sie werden mir mein ganzes Leben in den Ohren widerhallen. Er brachte damit etwas auf den Punkt, wofür es ein albanisches Sprichwort gibt: Der Schlag, der mich nicht tötet, macht mich stärker.

Montag, 4. April 2011

Berufe unter Druck


Text: Martin Mäder, Foto: Simone Gloor

Wann haben Sie das letzte Mal einen richtigen Bären gesehen? Wenn Sie nicht gerade kürzlich im Zoo waren oder vielleicht dem Bärenpark in Bern einen Besuch abstatteten, dürfte dies eine Weile her sein. Womöglich haben Sie «Meister Petz» überhaupt noch nie zu Gesicht bekommen. Schliesslich beschränkt sich die Präsenz des Bären in der Schweiz heutzutage fast nur auf das Berner Wappen.

Was der Bär in freier Wildbahn, sind manche Berufe in der Arbeitswelt: mehr oder weniger rare Spezies. Die Modistin etwa, der Wagner oder der Buchbinder. Berufe, die heute beinahe ausgestorben sind. Wie beim Bären wirkten sich im Laufe der Zeit die Rahmenbedingungen negativ auf ihr Vorkommen aus.

Dass ein Beruf heute selten ist, kann viele Gründe haben. Manche Tätigkeiten waren gar nie stark verbreitet, beispielsweise weil nur eine geringe oder ganz spezifische Nachfrage nach der Dienstleistung besteht oder der Beruf als unpopulär und wenig erstrebenswert gilt. Die überwiegende Mehrheit heute seltener Berufe war ursprünglich aber verbreitet. Zu ihrem Verschwinden hat namentlich die technologische Entwicklung beigetragen, so dass viele Tätigkeiten heute nicht mehr oder nur noch sehr limitiert benötigt werden. Paradebeispiele liefert die grafische Industrie: Mit dem Aufstieg des Computers ging der Niedergang vieler Berufe einher. Buchdrucker, Schriftsetzer, Lithografen: Wo seid ihr geblieben?

Im Fokus der Rationalisierung, die der Computer in vielen Branchen eingeläutet hat, steht klar die Kostensenkung. Und weil das Personal immer der grösste Ausgabeposten ist, kam der Kostenfaktor Mensch unter Druck. Die Ablösung des Menschen durch die Maschine brachte aber auch Vorteile mit sich: So bezieht ein Computer nicht nur kein Gehalt, sondern er ist auch nie krank und nimmt keine Ferien. Und meistens macht er auch keine Fehler. Richtig eingesetzt und korrekt programmiert, bringt ein Computer durch seine schiere Unfehlbarkeit ein deutliches Plus an Sicherheit. Somit ist mit Blick auf den technologischen Fortschritt nicht einfach von selten gewordenen Berufen zu sprechen. Die eigentlich rare Spezies in der Arbeitswelt ist der Mensch.

Die Technologisierung nur als Jobkiller darzustellen, greift freilich zu kurz. Schliesslich ist der Computer nicht nur Symbol für das Aus vieler Berufe. In seiner Bugwelle sind auch neue Tätigkeiten aufgekommen. Wer in Krisenzeiten wegrationalisierten Berufen und Arbeitsplätzen nachtrauert, läuft Gefahr, vor lauter Schwarzmalerei das Positive zu übersehen. Optimistisch stimmt etwa die Tatsache, dass uns die Maschinen viele repetitive Arbeiten abnehmen, die uns ohnehin langweilen würden. So wird die menschliche Arbeitskraft befreit für gesellschaftlich nützliche und erst noch krisensichere Jobs – etwa in der Pflege und Betreuung von Betagten, wo immer Menschen gebraucht werden.

Donnerstag, 24. Februar 2011

Nöd ganz putzt


Text: Olaf Kühne; Foto: Simone Gloor

«Kostenoptimierung», «Outsourcing», «Kompetenzenkonzentration» und «Arbeitsplatzmigration» sind Begriffe, mit denen die Damen und Herren Ökonomen gerne um sich werfen. Sie tun dies nicht immer sehr gezielt – und treffen damit oftmals Menschen, die ihnen am Vorabend das Büro geputzt und den Papierkorb geleert haben. Was für den Stier in der Arena das rote Tuch ist, sind für die Kostenoptimierer die Lohnkosten. Diese zu senken, so scheint es, führt manchen Unternehmensberater ohne Umwege ins Nirwana der neoliberalen Glückseligkeit. Die Beratungsfirma McKinsey & Company rühmt sich auf ihrer deutschen Website damit, dass 40 Prozent ihrer Consultants «fundierte Erfahrung aus anderen Unternehmen» mitbringen. Aha! Weshalb müssen sie dann ausgerechnet die anderen 60 Prozent auf die Arbeitsplätze in den tiefen Lohnsegmenten loslassen?

Verschwörungstheoretiker vermuten, dass durch Druck auf die Niedriglöhne anderen Unternehmen die Kunden entzogen werden sollen, wodurch diese Umsatz verlieren, dafür aber ihr Bedarf nach einer Beratung steigt. Drei, vier Quartale später – längerfristig denkt man in diesen Kreisen offenbar nicht – ist die Erfolgsrechnung wieder im Plus. Alles Überflüssige wurde eliminiert oder zumindest outgesourct, und die Löhne an der Basis sind für die nächsten paar Verhandlungsrunden bestenfalls eingefroren. Dafür wird gerne die Drohkulisse der Arbeitsplatzmigration aufgebaut. Schliesslich ist die Schweiz eine Hochlohninsel, und der Asiate macht es viel billiger und fast genauso gut. Klar doch! Schliesslich ist es überhaupt kein Problem, Tieflohnjobs nach Asien zu verlagern. Die thailändische Coiffeuse kann meine Haare ebenso gut in Bangkok schneiden. Meine Einkäufe im Supermarkt melde ich per Mail nach China, wo sie die Kassierin meiner Postcard belastet, Superpunkte selbstverständlich inklusive. Die damit erworbene Prämie bringt mir dann ein Postbote aus Bangladesch direkt vor die Haustüre. Dort trifft er auf meine vietnamesische Putzfrau.

Wertschöpfung heisst das Zauberwort. Per Definition kann eine Reinigungskraft diese nur in einem Reinigungsunternehmen erwirtschaften. In allen anderen Branchen ist sie lediglich ein Kostenfaktor. Und der ist böse! Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern haben es noch nicht fertig gebracht, den Wert eines sauberen Arbeitsplatzes monetär zu beziffern. Ergo hat er auf der Ertragsseite der Erfolgsrechnung auch nichts verloren. Komischerweise trifft das auf die Feng-Shui-Beraterin, die die zu reinigenden Büros eingerichtet hat, nicht zu. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun ist zwar gegen ein intelligentes Outsourcing nichts einzuwenden. Schliesslich macht es Sinn, das erforderliche Know-how nicht x-fach zu erwerben, sondern Kompetenzen zu konzentrieren. Das Wissen um Umweltbestimmungen, gefährliche Chemikalien und den problemlosen Umgang mit Reinigungsmaschinen ist bei professionellen Reinigungsfirmen bestimmt besser aufgehoben als in der HR-Abteilung eines Industriebetriebes. Dass man die Preise eines externen Dienstleisters einfacher drücken kann als den Lohn einer im eigenen Hause angestellten Reinigungskraft, scheint dabei für viele Unternehmungen ein angenehmer Nebeneffekt zu sein. Steht doch das beauftragte Putzinstitut in Konkurrenz mit mehreren Hundert Mitbewerbern. Und einer externen Putzfrau muss man auch nicht so häufig in die Augen sehen.

Ja, es macht richtig Spass, auf Ökonomen, Berater und die Wirtschaft als Ganzes zu schimpfen. Aber Hand aufs Herz: Hat Sie bei Ihrem letzten Geiz-ist-geil-Einkauf der Lohn der Kassierin interessiert?

Freitag, 28. Januar 2011

Lernen: lebenslänglich



Text: Marco Borghi; Foto: Urs Lindt

Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis in meiner Bezirksschulzeit in den siebziger Jahren. Neben dem Einpauken der Vokabeln, gab es hin und wieder eine lustige Einlage. Besonders toll fanden wir es, wenn ein Schüler oder eine Schülerin einem Lehrer ein Schnippchen schlug; hier ein Beispiel aus dem Fach Physik: Vor der Pause hatte unser Lehrer, pflichtbewusst wie er war, den Elektromotor aus seiner Sammlung bereitgestellt. Alles war eingerichtet. Er ging in die Pause. Eine Schülerin zog kurz vor dem Ende der Pause den Stecker aus der Dose. Nach einigen theoretischen Erklärungen rief er uns nach vorne. Gespannt schauten wir wie unser Lehrer in grosser Erwartung den Schalter drehte. Aber oh Schreck, es geschah nichts. Der Dozent begann darauf voller Erstaunen und Unverständnis den Motor zu untersuchen. Zuerst hob er die Abdeckung, dann untersuchte er jede einzelne Verbindung. In jener Zeit waren die einzelnen Teile des Motors mit dicken und dünnen Kabeln verdrahtet. Sein Erstaunen steigerte sich von Lötstelle zu Lötstelle. Da konnten wir uns nicht mehr zurückhalten. Die Ersten begannen zu kichern, bis die ganze Klasse in schallendes Gelächter ausbrach. Schliesslich erlöste eine Mitschülerin unseren Lehrer.

Die Situation wäre anders verlaufen, wäre es unserem Lehrer nicht peinlich gewesen, Opfer eines Streiches zu werden. Das führte dazu, dass er selber nicht reagierte, sondern von einer Schülerin gerettet wurde. Peinlich konnte diese Situation nur sein, weil es in der Vorstellung der damaligen Pädagogik ein klares Gefälle zwischen dem wissenden Lehrer und dem unwissenden Schüler gab. So war es für einen Lehrer schwer zu verkraften, von Schülern reingelegt zu werden. Es war in seiner Vorstellung das Eingeständnis, den Schülern in dieser Situation unterlegen zu sein. Also war er hier der Unwissende und die Schüler die Wissenden, was der damaligen Lehre widersprach. In späteren Jahren verwischte sich dieser Unterschied und die Schule wurde zur Lerngemeinschaft. Die Interessen und Vorstellungen der Schüler wurden in Gruppenarbeiten miteinbezogen.

Erst nach der Mittelschule lernte ich das selbstorganisierte Lernen kennen. In dieser Lernform ist der einzelne Schüler der aktivste Teil im Lernprozess. Er ist nicht länger dem Frontalunterricht des Lehrers ausgeliefert, der nur durch einige Gruppenarbeiten unterbrochen wird. Stattdessen handelt der Dozent altersgerecht mit den Lernenden die Ziele aus. Diese umfassen nicht nur das Denken; dazu kommt die Fähigkeit, sein Wissen einzusetzen und selber damit Lösungen zu erarbeiten. Nach der Festsetzung der Ziele klärt der Unterrichtende das Zeitintervall, in dem die Schüler ihre Ziele erreichen sollen. Ein wichtiger Teil ist der Weg dahin: Welche Methoden können sie benutzen, um zum Ziel zu gelangen? Dieser Lernweg ermöglicht dem Schüler, sich eigenständig Wissen und Können anzueignen und später einzusetzen. Der Lehrer wird zum Coach, zum Berater. Diese neu entwickelte Unterrichtsform, beginnt heute oft schon in der Primarschule.

Sie gilt nicht nur für die Schule oder Ausbildung, sondern ebenso in der Erwachsenenbildung und beruht auf einem neuen Menschenbild. Im Zentrum steht nicht mehr die Anpassung des Einzelnen an eine bestimmte Verhaltensweise, an bestimmte Werte. Wichtig ist heute die Entwicklung zur grösstmöglichen Selbständigkeit des Einzelnen in Beruf, Privatleben, in der Kommunikation und als Staatsbürgerin, als Staatsbürger. Nach diesem neuen Menschenbild sind wir ein Leben lang unterwegs, fähig zu lernen bis ins hohe Alter. Die Entwicklung der Arbeitswelt fordert uns heraus, uns dem Lauf der Zeit zu stellen und lebenslang zu lernen.

Die Pädagogik von heute geht nicht mehr von einer klaren Verteilung von Wissen und Nichtwissen aus. Lehrpersonen haben in bestimmten Bereichen mehr Erfahrung als die Schülerinnen und Schüler, in anderen kann es umgekehrt sein. Es ist nicht mehr peinlich, wenn Schüler einen Lehrer reinlegen. Wo immer Unterricht stattfindet, sei es in der Schule oder in der Erwachsenenbildung, ist es das Ziel, den Teilnehmenden eine förderliche Lernumgebung zu verschaffen, damit sie ihre Fähigkeiten so gut wie möglich entwickeln können. In dieser Absicht würde ein heutiger Lehrer den Schülern ein Kompliment für ihre Cleverness aussprechen.