Text: Peter Jeck; Bild: Peter PfistnerNach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es keine alten Menschen. Es gibt nur alternde und ältere. Mit meinem Jahrgang 1948 gehöre ich zu Letzteren. Starken Trost vermag mir diese Elimination von «alt» aus der Sprachregelung allerdings nicht zu spenden. Dass jemand «älter» ist — älter als andere — kann er oder sie schon viel früher feststellen. Das gilt ja streng genommen für alle.
In Wirklichkeit fühle ich mich nicht immer, aber immer öfter alt, und die Redensart «An dem Tag, an dem dir am Morgen nichts weh tut, bist du tot» kann ich in ihrer blöden Wahrheit nicht mehr vergessen. Ein ganzer Strauss von gesundheitlichen Einschränkungen, darunter auch irreversible, melden sich mit Schmerzen, nachlassender Mobilität und generellem Mangel an Wohlbefinden. Ich verstehe erstmals ein Stück weit die vielen griesgrämigen Senioren, für die die Mitmenschen im öffentlichen Raum in erster Linie störende Hindernisse zu sein scheinen; die sich schlecht gelaunt durch den Tag bringen, dabei alles besser wissen und darauf bedacht sind, am Abend frühzeitig wieder nach Hause zu kommen.
«Manchmal ergreift das Altern zuerst denKörper, manchmal aber auch den Geist.»Michel Eyquem de Montaigne
Auf der anderen Seite sehe ich die «Älteren», die Weisheit erlangt haben. Ich beginne, diese Menschen bewusst wahrzunehmen, an ihnen für mich immer wieder abzulesen, wie wichtig ein paar elementare Dinge sind: Humor, vielfältige Kontakte, Aktivität, Beweglichkeit. Anders als in der Zeit de Montaignes haben wir heute auch viel mehr Möglichkeiten, zu verhindern, dass das Altern den Körper und den Geist «ergreift» — wir können den Prozess verlangsamen.
Ein Workaholic war ich bestimmt nie. Schon in jungen Jahren nahm ich verschiedenste Stellen an und hielt meinen gelernten Beruf, Lehrer, quasi nur noch in Reserve. Es waren immer Teilzeitanstellungen. Ich fand sie leicht; es waren — mit Einbrüchen kleinerer Krisen — lange Jahrzehnte wirtschaftlichen Aufschwungs, das Angebot an Nischenjobs gross. Das Einkommen genügte für meine bescheidenen materiellen Ansprüche immer. So machte ich mir um meine existenzielle Zukunft keine Sorgen, war mal Öffentlichkeitsarbeiter, mal Gewerkschaftssekretär, mal Kursleiter ohne Diplom, mal Online-Journalist.
Rückblickend komme ich um die Einsicht nicht herum, dass ich mich immer um alles Mögliche – unter anderem Politik – gekümmert habe, viel zu wenig aber um meine eigenen Belange. Dazu hätte auch eine gute Weiterbildung gehört. Ich habe sie verpasst. Nun bin ich Ü63. Zeit, mir Gedanken über meine Rest-Aktivzeit zu machen. Ein Stubenhocker bin und werde ich, wenn es mein Bewegungsapparat erlaubt, sicher nicht. Zu gerne bin ich in der Natur, zu wichtig ist es mir, mobil zu bleiben. Zu gerne geniesse ich auch. Ich werde also aktiv bleiben. Ich will mich auch hier und dort weiter einmischen. Bloss: wie?
Seit längerem bin ich auf Stellensuche. Nur selten komme ich dabei überhaupt in die Nähe eines Erfolgs. Dass die Zeiten härter geworden sind und mein Alter eine grosse Hürde darstellt, das sind objektive Gegebenheiten. Man kann sie natürlich auch als Vorwand benützen, als vorauseilende Entschuldigung für zu kleines Engagement. Ich weiss, dass ich mehr tun müsste. Mein Ziel bezüglich Erwerbsleben bleibt dabei bescheiden und realistisch. Es kann eigentlich nur heissen: Anständig ins Rentenalter kommen. Auf jeden Fall will ich ein kaum entlöhntes, aber dennoch honoriertes Engagement weiterführen: kochen in einem grösseren Kulturbetrieb. Vielleicht eröffnet mir die demografische Entwicklung aber nochmals eine gute Jobchance. Starke Jahrgänge werden in den nächsten Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden, geburtenschwache treten ein. Die Schweiz bewegt sich also auf einen Arbeitskräftemangel zu — falls es nicht die gesamte Wirtschaft immer weiter den Bach runterspült.
«Ältere Menschen bewerten neues Wissen immer aufgrund von Erfahrungen, meistens den eigenen. Dies ist einerseits eine Stärke, anderseits aber auch eine Ursache von Lernbarrieren», lese ich in einer Studie. Mit zunehmendem Alter bestehe die Gefahr, dass der immer grössere individuelle Erfahrungsschatz einen immer dichteren Filter darstelle, welcher Neues und Unbekanntes ausschliesse. Ältere Menschen müssten bewusst Raum für Neues schaffen. Damit dies gelinge, bedürfe es eines «gewollten Nichtwissens». Das gefällt mir. In letzter Zeit eigne ich mir täglich Wissen in Geografie, Sprachen, Archäologie, Wirtschaft und Kultur an. Damit bezwecke ich nichts. Aber es ist eine Massnahme dagegen, dass «das Altern den Geist ergreift». Eventuell locke ich damit ja noch einen späten Traumjob an ...
«Altern heisst, sich in zunehmendem Masse
überflüssig machen.»
Hellmut Walters








