Freitag, 28. Januar 2011

Lernen: lebenslänglich



Text: Marco Borghi; Foto: Urs Lindt

Ich erinnere mich noch gut an ein Erlebnis in meiner Bezirksschulzeit in den siebziger Jahren. Neben dem Einpauken der Vokabeln, gab es hin und wieder eine lustige Einlage. Besonders toll fanden wir es, wenn ein Schüler oder eine Schülerin einem Lehrer ein Schnippchen schlug; hier ein Beispiel aus dem Fach Physik: Vor der Pause hatte unser Lehrer, pflichtbewusst wie er war, den Elektromotor aus seiner Sammlung bereitgestellt. Alles war eingerichtet. Er ging in die Pause. Eine Schülerin zog kurz vor dem Ende der Pause den Stecker aus der Dose. Nach einigen theoretischen Erklärungen rief er uns nach vorne. Gespannt schauten wir wie unser Lehrer in grosser Erwartung den Schalter drehte. Aber oh Schreck, es geschah nichts. Der Dozent begann darauf voller Erstaunen und Unverständnis den Motor zu untersuchen. Zuerst hob er die Abdeckung, dann untersuchte er jede einzelne Verbindung. In jener Zeit waren die einzelnen Teile des Motors mit dicken und dünnen Kabeln verdrahtet. Sein Erstaunen steigerte sich von Lötstelle zu Lötstelle. Da konnten wir uns nicht mehr zurückhalten. Die Ersten begannen zu kichern, bis die ganze Klasse in schallendes Gelächter ausbrach. Schliesslich erlöste eine Mitschülerin unseren Lehrer.

Die Situation wäre anders verlaufen, wäre es unserem Lehrer nicht peinlich gewesen, Opfer eines Streiches zu werden. Das führte dazu, dass er selber nicht reagierte, sondern von einer Schülerin gerettet wurde. Peinlich konnte diese Situation nur sein, weil es in der Vorstellung der damaligen Pädagogik ein klares Gefälle zwischen dem wissenden Lehrer und dem unwissenden Schüler gab. So war es für einen Lehrer schwer zu verkraften, von Schülern reingelegt zu werden. Es war in seiner Vorstellung das Eingeständnis, den Schülern in dieser Situation unterlegen zu sein. Also war er hier der Unwissende und die Schüler die Wissenden, was der damaligen Lehre widersprach. In späteren Jahren verwischte sich dieser Unterschied und die Schule wurde zur Lerngemeinschaft. Die Interessen und Vorstellungen der Schüler wurden in Gruppenarbeiten miteinbezogen.

Erst nach der Mittelschule lernte ich das selbstorganisierte Lernen kennen. In dieser Lernform ist der einzelne Schüler der aktivste Teil im Lernprozess. Er ist nicht länger dem Frontalunterricht des Lehrers ausgeliefert, der nur durch einige Gruppenarbeiten unterbrochen wird. Stattdessen handelt der Dozent altersgerecht mit den Lernenden die Ziele aus. Diese umfassen nicht nur das Denken; dazu kommt die Fähigkeit, sein Wissen einzusetzen und selber damit Lösungen zu erarbeiten. Nach der Festsetzung der Ziele klärt der Unterrichtende das Zeitintervall, in dem die Schüler ihre Ziele erreichen sollen. Ein wichtiger Teil ist der Weg dahin: Welche Methoden können sie benutzen, um zum Ziel zu gelangen? Dieser Lernweg ermöglicht dem Schüler, sich eigenständig Wissen und Können anzueignen und später einzusetzen. Der Lehrer wird zum Coach, zum Berater. Diese neu entwickelte Unterrichtsform, beginnt heute oft schon in der Primarschule.

Sie gilt nicht nur für die Schule oder Ausbildung, sondern ebenso in der Erwachsenenbildung und beruht auf einem neuen Menschenbild. Im Zentrum steht nicht mehr die Anpassung des Einzelnen an eine bestimmte Verhaltensweise, an bestimmte Werte. Wichtig ist heute die Entwicklung zur grösstmöglichen Selbständigkeit des Einzelnen in Beruf, Privatleben, in der Kommunikation und als Staatsbürgerin, als Staatsbürger. Nach diesem neuen Menschenbild sind wir ein Leben lang unterwegs, fähig zu lernen bis ins hohe Alter. Die Entwicklung der Arbeitswelt fordert uns heraus, uns dem Lauf der Zeit zu stellen und lebenslang zu lernen.

Die Pädagogik von heute geht nicht mehr von einer klaren Verteilung von Wissen und Nichtwissen aus. Lehrpersonen haben in bestimmten Bereichen mehr Erfahrung als die Schülerinnen und Schüler, in anderen kann es umgekehrt sein. Es ist nicht mehr peinlich, wenn Schüler einen Lehrer reinlegen. Wo immer Unterricht stattfindet, sei es in der Schule oder in der Erwachsenenbildung, ist es das Ziel, den Teilnehmenden eine förderliche Lernumgebung zu verschaffen, damit sie ihre Fähigkeiten so gut wie möglich entwickeln können. In dieser Absicht würde ein heutiger Lehrer den Schülern ein Kompliment für ihre Cleverness aussprechen.