Donnerstag, 24. Februar 2011

Nöd ganz putzt


Text: Olaf Kühne; Foto: Simone Gloor

«Kostenoptimierung», «Outsourcing», «Kompetenzenkonzentration» und «Arbeitsplatzmigration» sind Begriffe, mit denen die Damen und Herren Ökonomen gerne um sich werfen. Sie tun dies nicht immer sehr gezielt – und treffen damit oftmals Menschen, die ihnen am Vorabend das Büro geputzt und den Papierkorb geleert haben. Was für den Stier in der Arena das rote Tuch ist, sind für die Kostenoptimierer die Lohnkosten. Diese zu senken, so scheint es, führt manchen Unternehmensberater ohne Umwege ins Nirwana der neoliberalen Glückseligkeit. Die Beratungsfirma McKinsey & Company rühmt sich auf ihrer deutschen Website damit, dass 40 Prozent ihrer Consultants «fundierte Erfahrung aus anderen Unternehmen» mitbringen. Aha! Weshalb müssen sie dann ausgerechnet die anderen 60 Prozent auf die Arbeitsplätze in den tiefen Lohnsegmenten loslassen?

Verschwörungstheoretiker vermuten, dass durch Druck auf die Niedriglöhne anderen Unternehmen die Kunden entzogen werden sollen, wodurch diese Umsatz verlieren, dafür aber ihr Bedarf nach einer Beratung steigt. Drei, vier Quartale später – längerfristig denkt man in diesen Kreisen offenbar nicht – ist die Erfolgsrechnung wieder im Plus. Alles Überflüssige wurde eliminiert oder zumindest outgesourct, und die Löhne an der Basis sind für die nächsten paar Verhandlungsrunden bestenfalls eingefroren. Dafür wird gerne die Drohkulisse der Arbeitsplatzmigration aufgebaut. Schliesslich ist die Schweiz eine Hochlohninsel, und der Asiate macht es viel billiger und fast genauso gut. Klar doch! Schliesslich ist es überhaupt kein Problem, Tieflohnjobs nach Asien zu verlagern. Die thailändische Coiffeuse kann meine Haare ebenso gut in Bangkok schneiden. Meine Einkäufe im Supermarkt melde ich per Mail nach China, wo sie die Kassierin meiner Postcard belastet, Superpunkte selbstverständlich inklusive. Die damit erworbene Prämie bringt mir dann ein Postbote aus Bangladesch direkt vor die Haustüre. Dort trifft er auf meine vietnamesische Putzfrau.

Wertschöpfung heisst das Zauberwort. Per Definition kann eine Reinigungskraft diese nur in einem Reinigungsunternehmen erwirtschaften. In allen anderen Branchen ist sie lediglich ein Kostenfaktor. Und der ist böse! Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern haben es noch nicht fertig gebracht, den Wert eines sauberen Arbeitsplatzes monetär zu beziffern. Ergo hat er auf der Ertragsseite der Erfolgsrechnung auch nichts verloren. Komischerweise trifft das auf die Feng-Shui-Beraterin, die die zu reinigenden Büros eingerichtet hat, nicht zu. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nun ist zwar gegen ein intelligentes Outsourcing nichts einzuwenden. Schliesslich macht es Sinn, das erforderliche Know-how nicht x-fach zu erwerben, sondern Kompetenzen zu konzentrieren. Das Wissen um Umweltbestimmungen, gefährliche Chemikalien und den problemlosen Umgang mit Reinigungsmaschinen ist bei professionellen Reinigungsfirmen bestimmt besser aufgehoben als in der HR-Abteilung eines Industriebetriebes. Dass man die Preise eines externen Dienstleisters einfacher drücken kann als den Lohn einer im eigenen Hause angestellten Reinigungskraft, scheint dabei für viele Unternehmungen ein angenehmer Nebeneffekt zu sein. Steht doch das beauftragte Putzinstitut in Konkurrenz mit mehreren Hundert Mitbewerbern. Und einer externen Putzfrau muss man auch nicht so häufig in die Augen sehen.

Ja, es macht richtig Spass, auf Ökonomen, Berater und die Wirtschaft als Ganzes zu schimpfen. Aber Hand aufs Herz: Hat Sie bei Ihrem letzten Geiz-ist-geil-Einkauf der Lohn der Kassierin interessiert?