
Text: Kujtim Sabani, Foto: Simone Gloor
Egal, was wir machen: Motivation brauchen wir immer. Ohne Motivation würden wir am Morgen gar nicht aufstehen, erst recht nicht um fünf Uhr, wie ich es tat, als ich in einem Verteilzentrum arbeitete. Während dieser Zeit wachte einmal mein dreijähriger Sohn auf und fing an zu schreien: «Nein, geh nicht weg! Nein …» Er konnte nicht wissen, dass es darum ging, für die Familie – und damit auch für ihn – aufzukommen. Seine Schreie hallten mir den ganzen Tag in den Ohren wider.
«Wenn ich einen Uniabschluss hätte, wäre ich bestimmt nicht hier», hörte ich eine Mitarbeiterin in der Kantine zu ihrem Kollegen sagen. Ich fühlte mich angesprochen und bat sie, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. «Du hast doch nicht in der Schweiz studiert – oder?», fragte sie verunsichert. Sie konnte es schlechthin nicht nachvollziehen, dass ein Akademiker solche Arbeiten ausüben musste, noch dazu einer, der in der Schweiz abgeschlossen hat. Was wir beide nicht wussten: In dem Zentrum gab es noch mindestens vier weitere Akademiker. Sie kamen aus Schwarzafrika, Russland und Polen. Einer hatte in Deutschland Recht studiert. Und im benachbarten Verteilzentrum führte ein Schweizer Akademiker, von Beruf Philosoph, solche Arbeiten aus. Im «Lager», wie wir unseren Arbeitsort nannten, waren wir dazu verurteilt, Routinearbeiten auszuführen, für die es keinerlei Qualifizierung braucht – Waren einlagern, schleppen, sortieren und so weiter. Die Abteilungsmanagerin – an sich eine bewundernswerte Frau – sei von Beruf Coiffeuse, hiess es.
Hätte man diesen Hochqualifizierten nicht eine anspruchsvollere Arbeit anvertrauen können? Was bringt diese Menschen dazu, untergeordnete Funktionen auszuüben? Wie viele Kinder müssen sie unterhalten? Oder gar: wie viele Familien? Solche Fragen gingen mir des Öftern durch den Kopf. Tarkan etwa, der ein Literaturbegeisterter war und «für sich selbst» Filmszenarien schrieb, hätte sehr gerne studiert, aber die Familie in der Türkei war auf seine materielle Unterstützung angewiesen.
Es fragt sich, ob die Motivation irgendwann mal nachlässt. Meine Erfahrung im Verteilzentrum lieferte mir einen Beleg dafür, dass sie sogar zunehmen kann: Hans war in einer anderen Firma ordentlich pensioniert worden und wollte dennoch weiterarbeiten. Als wir im Verteilzentrum – ausnahmsweise – einmal eine ganze Stunde Mittagspause machen durften, hielt er es nicht aus. Nach einer dreiviertel Stunde – so lange machten wir normalerweise Pause – rannte er zurück an die Arbeit. Er fiel uns nicht nur mit seinem Fleiss auf. Nach der Arbeit zog er Jackett und Krawatte an und ging oft zu Fuss nach Hause. Dabei legte er eine Strecke von etwa fünf Kilometer zurück. Mit seinem Verhalten sorgte Hans für viel Gesprächsstoff im Verteilzentrum. Die älteren Arbeitskollegen erzählten von dem Tag, als seine Frau in den Notfall musste. Die Firma wurde informiert, und sie erlaubte Hans, sofort zu seiner Frau zu gehen. Darauf soll Hans gesagt haben, er mache zuerst den Auftrag fertig, bevor er gehe. Mit seinem Eifer erinnerte er mich an meinem Grossvater. Selbstverständlich fragten wir uns immer wieder, woher Hans seine Motivation schöpfte.
Im Verteilzentrum arbeitete auch ein Mitarbeiter um die vierzig, ein Akademiker, der zudem einen Titel in Bodybuilding führte. Merkwürdigerweise hatte er die Angewohnheit, körperlich anstrengende Arbeit zu meiden, wo immer er konnte, was mit seiner einprägsamen Erscheinung merkwürdig kontrastierte. Ich fragte mich, warum er wohl die schweren Arbeiten anderen überliess, obwohl es Gründe dafür geben mag: Bei schlechter Entlöhnung und geistiger Unterforderung nimmt die Motivation ab, erst recht, wenn man aus nicht nachvollziehbaren Gründen auch noch diskriminiert wird. Er brachte bestimmt bessere Voraussetzungen mit als viele andere, die auf den verschiedenen Managementebenen des Unternehmens beschäftigt waren.
Ich habe einen anderen Weg gewählt. Anstatt mich in einer bequemen Nische einzurichten und die schweren Arbeiten anderen zu überlassen, kündigte ich nach anderthalb Jahren die Stelle im Verteilzentrum. Empfehlen kann ich das allerdings nicht. Der Ordner mit den Arbeitsbemühungen um einen Job im erlernten Beruf wird immer umfangreicher, und ich bin noch immer ohne Arbeit.
Dafür kann ich heute meinen Sohn wieder zu Bett bringen. Als ich noch im Verteilzentrum arbeitete, ging das nicht, denn ich schlief oft vorher ein. Einmal hatte er eine «Niederlage» hinnehmen müssen und wollte nicht mit Reden aufhören. Irgendwann musste ich ihn auffordern, zu schlafen. Nach einer Pause wollte er seinen Gehorsam bestätigen und meldete sich: «Siehst du, dass ich nicht mehr rede?» Auf meinen ernsten Blick hin deckte er sein Gesicht mit der Decke zu. Kurz darauf sagte er: «Papi, wir sind stark!», und kehrte mir den Rücken. Diese Worte machten mir Mut. Sie werden mir mein ganzes Leben in den Ohren widerhallen. Er brachte damit etwas auf den Punkt, wofür es ein albanisches Sprichwort gibt: Der Schlag, der mich nicht tötet, macht mich stärker.