
Text: Jonas Baud, Foto: Simone Gloor
Seit acht Jahren wohne ich in Zürich und geniesse das Grossstadtleben. In meiner Kindheit erlebte ich jedoch das absolute Kontrastprogramm. Ich bin in einem Dorf inmitten der malerischen Oberaargauer Hügellandschaft aufgewachsen – dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Es gibt heute noch Momente, in denen mich ein nostalgisches Heimweh packt. Dann fahre ich mit dem Zug in meinen ehemaligen Wohnort und unternehme ausgedehnte Spaziergänge. Ich blicke sehr gerne zurück auf meine Kindheit. Es war für mich ideal, diese unbeschwerte Lebensphase auf dem Land zu verbringen, fernab von urbaner Hektik. Wir wohnten zur Miete in einem alten Bauernhaus, doch waren meine Eltern nicht in der Landwirtschaft tätig.
Das «Bauern» war aber das grösste Hobby unseres Nachbarn. Er besass vier Kühe, die im Stall untergebracht waren. Faszinierend war es für mich, ihn beim Melken zu beobachten. Er machte dies noch von Hand ohne die Hilfe von Maschinen und kauerte dabei auf einem höchst unbequemen Stuhl mit nur einem Holzbein. Ein Höhepunkt war es auch, wenn der Nachbar mit dem Traktor das Gras mähen ging und ich mitfahren durfte.
Wir Kinder konnten uns in der Natur richtig austoben. Verbotene Aktivitäten übten auf uns einen besonders grossen Reiz aus. Gerne kletterte ich im Sommer auf die Kirschbäume des Nachbarn und tat mich gütlich an den reifen Früchten. Erwischt wurde ich dabei nie. Das schlechte Gewissen meldete sich trotzdem. Als Wiedergutmachung sah ich mich verpflichtet, bei den anfallenden Arbeiten mitzuhelfen. Beispielsweise mistete ich oft den Kuhstall aus oder ging mit dem Hofhund spazieren.
Nicht nur daheim kam ich mit der Natur in Berührung. Ich besuchte in Langenthal die Rudolf Steiner Schule. In der neunten Klasse war es dort obligatorisch, ein sogenanntes «Bauernpraktikum» zu absolvieren. Dabei ging es darum, während zweier Wochen den beruflichen Alltag eines biodynamischen Landwirts kennenzulernen und bei seiner Familie zu wohnen. Ein Heimspiel für mich, war meine naive Annahme.
Hart auf dem Boden der bäuerlichen Realität landete ich am ersten Morgen, als mich der Hausherr um fünf Uhr morgens eher unsanft aus einem schönen Traum weckte. Innert einer Viertelstunde sollte ich bereitstehen, um im Stall mitzuhelfen. Zuerst dachte ich, dass ich es an diesem Ort nicht lange aushalten würde. Doch der erste Eindruck täuschte – der Bauer entpuppte sich als Schaf im Wolfspelz. Ich spürte jedoch am eigenen Leib, wie hart der Arbeitstag eines Bauern ist. An den Abenden war ich jeweils hundemüde. Zu meinen Aufgaben gehörte das Füttern der Tiere, das Jäten von Unkraut und das Ernten von Runkelrüben oder Kartoffeln. Ansonsten setzte man mich überall dort ein, wo gerade eine helfende Hand gebraucht wurde.
Ich war damals 15 Jahre alt, für mich war es noch ungewohnt, für längere Zeit weg zu sein von Zuhause. Doch damit hatte ich kein Problem. Ich erhielt in dieser Zeit sicherlich einen lehrreichen Einblick in ein Berufsbild, merkte jedoch ziemlich bald, dass eine landwirtschaftliche Karriere nicht meinen Fähigkeiten und Interessen entsprach. Geblieben ist aber meine Liebe zur Natur.
