Mittwoch, 29. Juni 2011

Meine Liebe zur Natur


Text: Jonas Baud, Foto: Simone Gloor

Seit acht Jahren wohne ich in Zürich und geniesse das Grossstadtleben. In meiner Kindheit erlebte ich jedoch das absolute Kontrastprogramm. Ich bin in einem Dorf inmitten der malerischen Oberaargauer Hügellandschaft aufgewachsen – dort wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Es gibt heute noch Momente, in denen mich ein nostalgisches Heimweh packt. Dann fahre ich mit dem Zug in meinen ehemaligen Wohnort und unternehme ausgedehnte Spaziergänge. Ich blicke sehr gerne zurück auf meine Kindheit. Es war für mich ideal, diese unbeschwerte Lebensphase auf dem Land zu verbringen, fernab von urbaner Hektik. Wir wohnten zur Miete in einem alten Bauernhaus, doch waren meine Eltern nicht in der Landwirtschaft tätig.

Das «Bauern» war aber das grösste Hobby unseres Nachbarn. Er besass vier Kühe, die im Stall untergebracht waren. Faszinierend war es für mich, ihn beim Melken zu beobachten. Er machte dies noch von Hand ohne die Hilfe von Maschinen und kauerte dabei auf einem höchst unbequemen Stuhl mit nur einem Holzbein. Ein Höhepunkt war es auch, wenn der Nachbar mit dem Traktor das Gras mähen ging und ich mitfahren durfte.

Wir Kinder konnten uns in der Natur richtig austoben. Verbotene Aktivitäten übten auf uns einen besonders grossen Reiz aus. Gerne kletterte ich im Sommer auf die Kirschbäume des Nachbarn und tat mich gütlich an den reifen Früchten. Erwischt wurde ich dabei nie. Das schlechte Gewissen meldete sich trotzdem. Als Wiedergutmachung sah ich mich verpflichtet, bei den anfallenden Arbeiten mitzuhelfen. Beispielsweise mistete ich oft den Kuhstall aus oder ging mit dem Hofhund spazieren.

Nicht nur daheim kam ich mit der Natur in Berührung. Ich besuchte in Langenthal die Rudolf Steiner Schule. In der neunten Klasse war es dort obligatorisch, ein sogenanntes «Bauernpraktikum» zu absolvieren. Dabei ging es darum, während zweier Wochen den beruflichen Alltag eines biodynamischen Landwirts kennenzulernen und bei seiner Familie zu wohnen. Ein Heimspiel für mich, war meine naive Annahme.

Hart auf dem Boden der bäuerlichen Realität landete ich am ersten Morgen, als mich der Hausherr um fünf Uhr morgens eher unsanft aus einem schönen Traum weckte. Innert einer Viertelstunde sollte ich bereitstehen, um im Stall mitzuhelfen. Zuerst dachte ich, dass ich es an diesem Ort nicht lange aushalten würde. Doch der erste Eindruck täuschte – der Bauer entpuppte sich als Schaf im Wolfspelz. Ich spürte jedoch am eigenen Leib, wie hart der Arbeitstag eines Bauern ist. An den Abenden war ich jeweils hundemüde. Zu meinen Aufgaben gehörte das Füttern der Tiere, das Jäten von Unkraut und das Ernten von Runkelrüben oder Kartoffeln. Ansonsten setzte man mich überall dort ein, wo gerade eine helfende Hand gebraucht wurde.

Ich war damals 15 Jahre alt, für mich war es noch ungewohnt, für längere Zeit weg zu sein von Zuhause. Doch damit hatte ich kein Problem. Ich erhielt in dieser Zeit sicherlich einen lehrreichen Einblick in ein Berufsbild, merkte jedoch ziemlich bald, dass eine landwirtschaftliche Karriere nicht meinen Fähigkeiten und Interessen entsprach. Geblieben ist aber meine Liebe zur Natur.

Mittwoch, 1. Juni 2011

Das Internet vergisst nicht


Text: Simon Wolanin, Foto: Simone Gloor

«Und was bringt mir das genau?», war meine Reaktion, als mir ein Kollege das erste Mal von Facebook erzählte. Eigentlich kann ich diese Frage bis heute nicht wirklich beantworten. Trotzdem bin auch ich inzwischen einer der 2,6 Millionen Schweizer, die ein Profil beim beliebtesten sozialen Netzwerk eingerichtet haben. Es ist fast unmöglich, sich dem Social-Media-Hype zu entziehen. Soziale Netzwerke scheinen ein tief verwurzeltes Mitteilungsbedürfnis in uns anzusprechen. Anders ist es kaum zu erklären, dass über 670 Millionen Menschen weltweit Mitglied bei Facebook sind.

Facebook, Twitter und Co. verführen offensichtlich zum virtuellen Seelenstrip. Da erfahre ich Dinge über meine Freunde, die ich eigentlich gar nicht wissen will. Per Statusmeldungen werde ich bombardiert mit belanglosen Problemchen und banalen Sinnkrisen. Ein Kollege wechselt seinen Beziehungsstatus wie ich meine Unterwäsche. Da fühlt man sich wie ein Psychiater – ohne Bezahlung, versteht sich. Um ein Zeichen zu setzen, bin ich der Gruppe «Warum erzählt mir JEDER seine Sorgen? Bin ich Seelenklempner?» beigetreten. Bisher ist die Botschaft leider noch nicht angekommen.

Auch im Arbeitsalltag kann man mit einer zu offenen Kommunikation über soziale Medien schnell ins Fettnäpfchen treten. Ein ehemaliger Arbeitskollege musste dies auf schmerzliche Art und Weise erfahren. Er meldete sich krank – eine Grippe habe ihn erwischt, an Arbeiten sei nicht zu denken. Zu dumm, dass am selben Tag verhängnisvolle Fotos auf Facebook auftauchten. Diese zeigen den Patienten in ausgelassener Feierlaune an einer Party mit Bierglas in der Hand. Es kam, wie es kommen musste: In der Firma verbreitete sich die Kunde rasant, und die Geschäftsleitung erfuhr davon. Selbstredend war der Chef alles andere als begeistert über die vermeintliche «Wunderheilung» und feuerte den Partylöwen fristlos.

Immer wieder kommt es vor, dass sich meine Freunde via Facebook über ihren Job beschweren. «Hat irgendjemand meine Motivation gesehen?», schrieb kürzlich eine Kollegin, die sich in ihrem Beruf als Immobilienfachfrau zu Tode langweilt. Scheinbar sind sich nur wenige bewusst, welch weitreichende Konsequenzen solche Aussagen haben können. Inzwischen legendär ist die Geschichte einer Angestellten aus den USA, die auf Facebook über ihren Boss lästerte. «Oh mein Gott, ich hasse meinen Job», schrieb sie in grossen Buchstaben. Die Praktikantin hatte dummerweise vergessen, dass sie ihren Chef als Freund hinzugefügt hatte. So konnte dieser alles mitlesen und feuerte sie gleich via Facebook. Kimberley Swann aus England erging es nicht besser. Die 16-Jährige schrieb in ihrem Facebook-Status, dass sie die Arbeit als Sachbearbeiterin langweilig finde. Als ihr Boss den Eintrag entdeckte, flatterte ihr die Kündigung ins Haus.

Daten zu veröffentlichen, ist mittlerweile ein Kinderspiel – nicht aber, diese wieder zu löschen. Dazu folgende Geschichte: Ein Kollege wurde an einer Party Arm in Arm mit einer hübschen Blondine fotografiert und dachte sich nichts weiter dabei. Am nächsten Tag meldete sich seine Freundin bei ihm, völlig aufgewühlt. Sie hatte auf Facebook das Bild entdeckt und gab dem «Schürzenjäger» den Laufpass. Obwohl er gar kein Profil auf Facebook hatte, hat ihn das soziale Netzwerk seine Beziehung gekostet. Man sollte sich also gut überlegen, was für Informationen man über soziale Netzwerke preisgeben will. Denn das Internet vergisst nie.