Text: Katrin Wahl; Foto: Simone GloorDu musst. Diese zwei Worte standen permanent im Hintergrund, wenn ich mir den nächsten Auftrag, den nächsten Nebenjob suchte. Wie vielen anderen blieb auch mir nichts weiter übrig, als einen Zusatzverdienst zu finden, weil das eigentliche Einkommen nicht reichte. Nein, wir nagten nicht am Hungertuch, meine Kinder hatten immer etwas zum Anziehen, mussten auf keine Klassenfahrt verzichten. Aber dazu musste ich permanent etwas tun. Vermutlich geht es vielen Alleinerziehenden so.
Ich nahm daher neben dem «Schwarzbrotgeschäft» Termine wahr, schrieb, fotografierte, entwarf und layoutete, was das Zeug hielt. Ich hätte auch einen Job ablehnen können – allerdings nur theoretisch. Man macht es nur einmal, dann ist man draussen, so ist das Business. Also war oft Nachtschicht angesagt. Was immer zu kurz kam, war der Schlaf. Und die Bügelwäsche.
Jammern hat noch nie etwas genützt, sagte ich mir immer. Humor schon. So pflegte ich auf die Frage «Wann machst du das alles?» immer zu antworten: «Der Tag hat 24 Stunden, und wenn der nicht reicht, nehmen wir die Nacht noch dazu.» Sprüche dieser Art halfen, mir dumme Fragen vom Leib zu halten. Denn die kamen immer wieder. «Aber dein Ex zahlt doch wohl für die Kinder?» war dabei noch die harmloseste. Ich schaffe das, sagte ich mir immer wieder, wenn ich am PC sass oder zu einem Termin fuhr, obwohl ich wieder einmal so müde war, so unendlich müde. «Ich will, ich kann und ich werde genau das tun.»
Ich kenne niemanden, der sich freiwillig einen Nebenjob sucht. Aber ich verstehe jeden, der die Tatsache herunterspielt, dass er darauf angewiesen ist. Interessante Begründungen habe ich da schon gehört, von Extrageld für Ferien bis zum geistigen Ausgleich, den man dringend bräuchte. Ich lasse jedem sein Alibi, verstehe es sogar, wenn man eine solche Erklärung vorschiebt.
Es ist einerseits peinlich, wenn der Lohn der Arbeit nicht reicht, um damit ordentlich leben zu können. Andererseits brachte es mir auch positive Erfahrungen, denn in unserem Kulturkreis ist derjenige, der viel arbeitet, auch gut angesehen, fast schon bewundert. «Deine Power möchte ich haben!», hörte ich häufig. Wie viel Kraft es kostete, permanent auf vielen Hochzeiten zu tanzen, kann nur der nachvollziehen, der es kennt.
Glücklicherweise konnte ich diesen Umstand irgendwann beenden. Ich fand eine Stelle, die ordentlich bezahlt war. Von da ab hatte ich regelmässig Feierabend und meine Wochenenden für mich. Das ist eine wahre Kostbarkeit, die ich bis heute geniesse. Was mir blieb, ist das Bewusstsein: Ich kann, wenn ich muss.