Dienstag, 31. Januar 2012

Gesundheitsdiktatur


Text: Benjamin Hämmerle, Foto: Simone Gloor

Seit längerem ist zu beobachten, dass Bund, Kantone und Gemeinden sich zunehmend aggressiv um die Gesundheit und den Lebenswandel ihrer Bürger kümmern. Nachdem die Raucher erfolgreich dezimiert und vor die Türen von Gaststätten und Discos verbannt worden sind, hat sich der Bundesrat (wieder einmal) die jugendlichen Alkoholkonsumenten vorgenommen. Mit einem generellen Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken zwischen 22 Uhr und 6 Uhr will er spontanen nächtlichen Saufgelagen vorbeugen. Dass man damit auch all jenen, die weder die Nachtruhe stören noch suchtgefährdet sind, die Möglichkeit nimmt, spätabends im 24-Stunden-Shop oder an der Tankstelle ein Bier zu kaufen, nimmt der Bundesrat als «unvermeidlich» in Kauf.

Ebenfalls Aufsehen erregt haben in jüngster Zeit millionenteure Präventionskampagnen gegen Fettleibigkeit. Jede zweite Person in der Schweiz soll übergewichtig sein. Dies ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie des Universitätsspitals Lausanne im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Besorgt ist das BAG insbesondere über die volkswirtschaftlichen Kosten, die die Übergewichtigen in der Schweiz jedes Jahr verursachen. Diese hätten sich allein zwischen 2004 und 2009 von 2,6 auf 5,7 Milliarden Franken mehr als verdoppelt. Zu den direkten Krankheitskosten («Verbrauch von Ressourcen zur Behandlung von Adipositas und Folgekrankheiten») addieren die Statistiker des Bundes indirekte Kosten wie «Produktivitätsverlust durch Arbeitsabwesenheit, Invalidität oder Tod». Welche Schande, dem Staat einen Produktivitätsverlust durch den eigenen Tod aufzubürden!

Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass dem Staat nicht so sehr die Gesundheit seiner Bürger am Herzen liegt. Vielmehr scheinen ihm die wirtschaftlichen Kosten, die deren Fehlverhalten allenfalls verursachen könnte, auf dem Magen zu liegen. Dies ist Ausdruck einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Individuen werden als Nutz- und Kostenfaktoren gesehen, die dem Bruttoinlandsprodukt entweder förderlich oder abträglich sind. Die Idee, dass jeder Bürger und jede Bürgerin die Kosten des eigenen Verhaltens selber tragen soll, findet immer mehr Anhänger. Dass Betrunkene Zwangsaufenthalte in Ausnüchterungszellen und Spitalaufenthalte selber berappen sollen, hat die ständerätliche Gesundheitskommission am 25. Januar beschlossen. Dass Übergewichtige höhere Krankenkassenprämien bezahlen sollen, ist längst kein Tabu mehr.

Dieser Logik folgend müssten auch Behandlungen von Sportunfällen und vieler Krankheiten selber finanziert werden, denn die Betroffenen haben sich bewusst oder fahrlässig in Risikosituationen begeben. Kommt dazu, dass viele gesundheitliche Beschwerden – wie zum Beispiel Adipositas – zum Teil genetisch bedingt sind. Sollen Menschen mit Risikogenen auch höhere Krankenkassenprämien bezahlen? Damit wäre der solidarische Charakter unseres Gesundheitswesens vollständig ausgehebelt.

Es kann nicht das Ziel unserer Lebensführung und unserer Politik sein, stets eine optimale wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aller Individuen zu gewährleisten. Vielleicht würde sich die Wirtschaftsleistung der Schweiz tatsächlich verdoppeln, wenn niemand dick wäre, Alkohol trinken, rauchen, Fastfood essen, abseits der markierten Pisten fahren, im Auto Radio hören oder ins Solarium gehen würde. Wenn alle mindestens sieben Stunden pro Nacht schlafen, fünf Portionen Früchte oder Gemüse pro Tag essen, dreimal pro Woche (ungefährlichen) Sport treiben und stets gut gelaunt arbeiten würden. Für mich wäre es dann aber an der Zeit, auszuwandern.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Ein neues Land lieben lernen


Text: Katrin Wahl, Bild: pixelio/Rainer Sturm
Man sieht die Schweizer Berge von der deutschen Seite aus, von dort, wo ich bis vor drei Jahren gewohnt habe. Sie sind mir ein vertrauter Anblick. Das erste Schweizer Fernsehprogramm ist im Kabelnetz im Bodenseekreis eingespeist und ebenfalls vertraut. Umso erschütterter war ich im Stillen, mich nach meinem Umzug in einer mir völlig unvertrauten Umgebung wiederzufinden.
Man sagt nicht Umzug in der Schweiz, das heisst Zügeln, belehrte man mich. Mein schwäbischer Dialekt öffnete mir zwar einige Türen, brachte jedoch meine Gegenüber unwillkürlich zum Lächeln. Und zum Spötteln: «Ha, noi» grinste ein aus Basel stammender Arbeitskollege immer, wenn er mich sah. Ein Jahr später machte er mir dann ein reizendes Kompliment: «Du kommsch jo vom Bodensee, des sind ja eh halbe Schwiizer.» Der Weg bis zu diesem Kompliment war zwar nicht steinig, aber holperig.
Denn trotz meiner vollmundigen Versicherung, ich verstünde Schwizerdütsch, gab es oft genug Situationen, in denen ich genauso gut hätte Kisuaheli rückwärts hören können, so wenig Information erreichte mein schwäbisch geprägtes Sprachzentrum. Dann stand ich inmitten des Wortschwalls, den meine Arbeitskolleginnen in zungenbrecherischer Geschwindigkeit über mich ergossen, und flüchtete in die einzige Form der Kommunikation, die mir sinnvoll erschien: Ich lächelte. Ich galt recht schnell als freundlicher Mensch.
So nach und nach lichtete sich der Sprachen-Dschungel, gab mir einen Begriff nach dem anderen preis. Wenn ich es auch nicht spreche, das meiste verstehe ich inzwischen, kann auch Baslerdytsch von Züridütsch und Bärndüütsch unterscheiden. Jetzt, nach fast drei Jahren, muss ich mich zusammenreissen, um in meiner alten Heimat nicht «Grüezi» zu sagen, sondern – ordentlich schwäbisch – «Grüss Gott».
Tiefer noch berührte mich, als mir bewusst wurde, dass ich hier die Ausländerin war. Es war mir Zeit meines Lebens immer gleichgültig, wo jemand herkam oder welche Hautfarbe er hatte. Hier erlebte ich die andere Seite der Medaille. Die Deutschen sind nicht sehr beliebt in der Schweiz, musste ich lernen. Nach Beobachtungen diverser Ausrutscher unsensibler Landsleute verstehe ich auch, warum. Persönlich musste ich zwar nur selten massive Ablehnung erfahren. Ich erlebte eher die täglichen kleinen Spitzen – Bemerkungen wie «Ich hab nichts gegen Deutsche, aber es sind jetzt einfach zu viele». Mit der Zeit machten sie mir nichts mehr aus.
Aber trotz mancher Verbalattacken: Von den meisten Schweizerinnen und Schweizern in meinem Umfeld erlebe ich nur Positives. Ob beim Arbeiten oder beim Einkaufen, beim Sport oder in der Stadt, viele sind ungeheuer höflich und entgegenkommend. Diejenigen, die nicht negativ auf meine Sprache reagieren, sind es sogar viel, viel mehr, als ich es von daheim gewohnt bin. Die schwäbische Mentalität ist eher kurz angebunden, gelegentlich sogar ungehobelt, auch wenn es nicht so gemeint ist.
Aber, so klärte mich eine Kollegin einmal auf, das sei völlig logisch für Schweizer. «Freundlichkeit und Höflichkeit sind der Klebstoff, der unsere vielen Sprachen und Gruppen in der Schweiz bei allen Unterschieden zusammenhält.»