Montag, 2. Juli 2012

Touristenfalle Balkonien




Text: Sandra Kyburz, Foto: Martin Weiss

Laut Bundesamt für Statistik konnte im Jahr 2009 ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt von seinen monatlich 6650 Franken Bruttoeinkommen rund 12,4 Prozent beiseite legen; das sind 824.60 Franken.

Stellensuchende wie ich gehören nicht selten zur untersten Einkommensklasse. Nach Abzug von Miete, Versicherungsprämien, Rückstellungen für Steuern und den überlebenswichtigen (!) Ausgaben für Essen und Trinken bleibt Ende Monat kaum etwas zum Sparen übrig – schon gar keine 824.60 Franken. Zwei Wochen Ferien, um die Seele baumeln zu lassen, den Stress der Stellensuche abzuschütteln, die dunklen Gedanken zu vertreiben, die Beziehung zu pflegen und neue Energie zu tanken, wären, ehrlich gesagt, dringend nötig. Aber ein Blick auf meinen Kontoauszug Ende Monat führt mir unmissverständlich vor Augen, dass zwei Wochen Toskana (Kulturferien), zwei Wochen Lofoten (Frischluftferien) oder zwei Wochen Kalymnos (Sportferien) nicht in meinem Budget liegen.

Übrig bleibt die «Reise» nach Balkonien. Einschlägige Magazine liefern dieser Tage viele Tipps, wie man seinen Balkon gestalten soll, um ein klein wenig Ferienfeeling aufkommen zu lassen: exotische Topfpflanzen verteilen, bequeme Sitzgelegenheiten bereitstellen, Bambusmatten als Sichtschutz montieren – fertig ist die Ferieninsel vor der Balkontür. Angepriesen wird, nebst der tatsächlich kostengünstigen Alternative, auch der Komfort der gewohnten Umgebung. Die verzweifelte Suche nach einem Katzensitter fällt weg, genauso das lästige Kofferpacken oder unbequeme Nächte auf durchgelegenen Hotelmatratzen. Paradiesische Zustände vor der Balkontür? Nicht wirklich!

Das Gewohnheitstier Mensch kann sich wohl seinen Balkon verschönern und so tun, als ob er Ferien mache. Das Problem liegt aber im «Komfort der gewohnten Umgebung». Nur noch kurz die Mails checken, bevor man sich mit einem guten Buch nach Balkonien verzieht. Montag ist Waschtag. Am Freitag trifft man sich mit Freunden zur üblichen Stunde am üblichen Stammtisch. Der Kühlschrank füllt sich nicht von alleine. Der Termin beim Tierarzt muss nicht verschoben werden, man ist ja zu Hause. Der Reiz von Ferien ist doch, dass sich das Gewohnheitstier Mensch aus seiner Komfortzone wagt und Abenteuer erlebt – und sei es nur, indem er seinem Magen fremdartige Speisen zuführt. So halte ich es zumindest. Ferien sind da, um Unbekanntes in fernen Ländern zu entdecken und dabei Zeit mit meinem Partner zu verbringen, ohne dass dabei der routinierte Tagesablauf von Zuhause dazwischenfunkt. Auf meinem Balkon, so gemütlich er auch ist, lauert der Alltag. Sprungbereit, mit gefletschten Zähnen, kauert er in der Ecke und wartet darauf, dass sich der Charme von Balkonien verzieht. Und das geschieht schneller, als mir lieb ist.

Mit der Verschönerung des Balkons ist es also nicht getan. Es gehört mehr dazu, um aus den freien Tagen Ferientage zu machen. Hier mein Fünf-Punkte-Programm, wie aus den freien Tagen auf dem Balkon entspannende Ferien werden:

1.     Switch-Off aller elektronischen Geräte. Ich werde keine Mails lesen oder gar beantworten, mein Facebookstatus bleibt zwei Wochen auf dem gleichen Stand, Handy und Fernseher werde ich nicht einschalten, die Post wird diese zwei Wochen im Briefkasten liegen bleiben und die Haustürglocke wird abgeklemmt. Warum? Wäre ich denn während Auslandferien für den Pöstler, Zeugen Jehovas, nervende Nachbarn erreichbar?
2.     Termine bei Zahn-, Frauen- oder Tierarzt sowie weitere wichtige Treffen verlege ich auf die Zeit vor oder nach den Balkonferien. Das handhabe ich bei einer Auslandsreise auch so. Und niemals, wirklich niemals, werde ich noch kurz einen Termin einschieben mit der Ausrede «Ich bin ja eh zu Hause».
3.     Ich werde keine Rechnungen zahlen oder die Steuererklärung ausfüllen, nur weil ich gerade Zeit habe (siehe Punkt 1 und 2).
4.     Ich werde die Trampelpfade meines Alltags vermeiden. Ein kühles Bier, um den Abend einzuleiten? Natürlich, aber nicht in meiner Stammkneipe! Auswärts essen? Kein Problem, aber nicht beim Lieblingsitaliener! Wäsche waschen? Ein definitives «auf gar keinen Fall»!
5.     Ich werde meine Beziehung ausgiebig pflegen und geniessen.

Mit diesen Massnahmen werden die Ferien auf Balkonien tatsächlich so kostengünstig und entspannend, wie mir die Hochglanzmagazine weismachen wollen. Und dem zähnefletschenden Monster Alltag werden darüberhinaus die Zähne gezogen, so dass es sich handzahm für zwei Wochen in der Küche versteckt – und ganz bestimmt nicht in einer Ecke des Balkons auf eine Unvorsichtigkeit meinerseits lauert.