Angenommen, ich wäre eine erfahrene Ingenieurin. Ich hätte
mich nicht abschrecken lassen von der Übermacht der männlichen Studienkollegen,
hätte die Professoren von meinen Fähigkeiten überzeugt und ein gutes Diplom erreicht.
Auch der Einstieg ins Berufsleben wäre mir leicht gefallen. Ingenieure sind ja
gesucht, da schaut keiner, ob’s eine Frau oder ein Mann ist. Solange ich Vollzeit
arbeite, bin ich voll dabei.
Klar muss ich mir die Spielregeln aneignen. Die Angst vor
Konfrontationen verlieren, direkt kommunizieren, klare Forderungen stellen.
Auch das Spiel mit den Netzwerken gehört dazu. Das nutzen ja auch die Kollegen
für den beruflichen Aufstieg. Ich lese die Sportnachrichten und diskutiere mit,
beteilige mich an ihrem wöchentlichen Fussballspiel und dem Feierabendbier.
Dann lerne ich einen Mann kennen, der Wunsch nach Kindern
kommt hoch, ich werde schwanger. Nun dreht der Wind. Der Chef des Betriebs, in
dem ich arbeite, ist schockiert. Ich frage, ob ich nach dem Mutterschaftsurlaub
Teilzeit arbeiten könne. Verständnisloser Blick. Es kommt zu einem Gespräch.
Wie ich mir das vorstelle, eine solch wichtige Position in drei Tagen
professionell ausfüllen zu können? Da brauche es vollen Einsatz.
Der Chef zieht sich zurück, will nichts mehr wissen, die
Kollegen ebenso. Die Stimmung gefriert, die Arbeit wird zur Qual.
Das schlägt mir auf den Magen, der Arzt schreibt mich tageweise
krank.
Ich bemühe mich um weitere Gespräche mit dem Chef. Er
verlangt, dass ich ganz oder gar nicht wieder einsteige nach dem
Mutterschaftsurlaub. Vollzeit kann ich mir nicht vorstellen, also bin ich
gezwungen zu kündigen. Der Ärger frisst in mir. Ich kann das private
Kinderglück kaum geniessen.
Die Zeit geht vorbei, die Krippe ist gefunden – und ich
suche eine neue Stelle. Doch auf mich wartet niemand mehr. Und niemand spricht
aus, was wahrscheinlich dahinter steckt. Auf Mütter ist kein Verlass, sie fallen
aus, wenn das Geschäft sie braucht, weil das Kind krank ist.
Eine Firmenmesse lässt mich aufhorchen. Unternehmen aus der
Schweiz und den deutschsprachigen Nachbarländern wollen Ingenieure rekrutieren.
600 Stellen seien frei. Ich beschliesse hinzufahren.
Die Messehalle durchschreite ich, ich will zum Vortragssaal.
Der ist voll, voller schwarzer und grauer Anzüge. Ein Stuhl ganz vorne ist
frei. Ich setze mich hin, spüre die Blicke im Nacken und auf meiner violetten
Bluse. Der Vortrag beginnt. Vieles ist mir bekannt. Ingenieure sind gefragt,
die Berufsaussichten super, die Löhne nicht zu verachten,
Aufstiegsmöglichkeiten vorhanden.
Von Teilzeit kein Wort, von Kinderbetreuung ebenso wenig.
Dafür werden die Gratisparkplätze betont. Dann kommt’s dicker. Der
Personalvermittler erzählt: Sein Klient wollte eine Stelle nicht annehmen. Wenige
Kilometer Reiseaufwand waren ihm zuviel. Betretenes Schweigen im Saal, dann
bissiger Spott des Referenten: Daran seien die Partnerinnen schuld, sie zwängen
ihre Männer, um sechs Uhr abends zum Abendessen aufzukreuzen.
Ein Schauder durchfährt mich. Ich fühle mich unerwünscht in dieser
Männergesellschaft. Leise stehe ich auf – stehle mich mit gesenktem Kopf aus
dem Saal. Erst mal an die frische Luft. Mal schauen, ob ich danach wieder Mumm
habe, ob ich mich in die Messehalle zurück wage und an den Firmenständen die
Personalverantwortlichen anspreche.
* Die Figur der Ingenieurin ist erfunden. Doch die
Geschichte basiert auf eigenen und fremden, recherchierten Erfahrungen. Selbst
erlebt ist die Vortragssituation unter Männern. Auf Recherchen beruht die
Diskriminierung von schwangeren erwerbstätigen Frauen.
