Dienstag, 25. September 2012

Ein Berner in der Grossstadt





Text und Foto: Martin Weiss

Ein immer wiederkehrendes Klischee lässt sich wissenschaftlich belegen: In Bern ist man wirklich langsamer unterwegs als anderswo – dies manifestiert sich im 2007 durchgeführten Fussgänger-Geschwindigkeits-Ranking, wo die Berner mit knapp über drei Stundenkilometern Rang 30 von 32 belegten.

Als in Zürich arbeitender Berner wird mir die Sache mit der Gemütlichkeit (böse Zungen nennen es Langsamkeit) denn auch bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben: Ist der Zug verspätet, ist schnell klar wieso – er ist in Bern abgefahren. Oder wenn die Sitzung länger dauert, liegt es daran, dass ein Berner dabei war. Sehr beliebt sind auch Witze wie etwa der von jenem Berner, der sich gestern die «Seegfrörni» von 1963 ansehen wollte.

Nach einigen Monaten in der Grossstadt hatte ich die Sprüche satt und beschloss, etwas zu ändern. Ich begann also, durch die Bahnhofstrasse zu rennen, um ja nicht aufzufallen. Das Mittagessen schlang ich in Rekordzeit herunter und verzichtete sogar meistens auf das gemütliche «Käffele». Im Zug setzte ich automatisch meine Ellenbogen ein, um mir den besten Platz zu verschaffen, und fuhr zum «HB» und nicht mehr zum «Bahnhof». Irgendwann fing ich an, im ortsüblichen Tempo zu sprechen – und merkte, dass dies im Berndeutsch nicht praktikabel ist. 

Gerade bevor ich also den Zürcher Dialekt übernahm, besann ich mich darauf, dass ich als authentischer Hauptstädter nicht nur ein Riesengewinn an Entschleunigung für Zürich bin, sondern im Gegenzug auch vom wohlbekannten und nicht zu unterschätzenden Berner Bonus profitiere.

Nach dem Motto «ig bi was ig bi» bleibe ich also gerne ein Berner in Zürich und versuche Tag für Tag, etwas Berner Gemütlichkeit in die Zürcher Hektik zu bringen.