Text und Foto: Martin Weiss
Ein immer wiederkehrendes Klischee lässt sich
wissenschaftlich belegen: In Bern ist man wirklich langsamer unterwegs als
anderswo – dies manifestiert sich im 2007 durchgeführten
Fussgänger-Geschwindigkeits-Ranking, wo die Berner mit knapp über drei
Stundenkilometern Rang 30 von 32 belegten.
Als in Zürich arbeitender Berner wird mir die
Sache mit der Gemütlichkeit (böse Zungen nennen es Langsamkeit) denn auch bei
jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben: Ist der Zug verspätet, ist schnell
klar wieso – er ist in Bern abgefahren. Oder wenn die Sitzung länger dauert,
liegt es daran, dass ein Berner dabei war. Sehr beliebt sind auch Witze wie etwa
der von jenem Berner, der sich gestern die «Seegfrörni» von 1963 ansehen
wollte.
Nach einigen Monaten in der Grossstadt hatte
ich die Sprüche satt und beschloss, etwas zu ändern. Ich begann also, durch die
Bahnhofstrasse zu rennen, um ja nicht aufzufallen. Das Mittagessen schlang ich
in Rekordzeit herunter und verzichtete sogar meistens auf das gemütliche «Käffele».
Im Zug setzte ich automatisch meine Ellenbogen ein, um mir den besten Platz zu
verschaffen, und fuhr zum «HB» und nicht mehr zum «Bahnhof». Irgendwann fing ich
an, im ortsüblichen Tempo zu sprechen – und merkte, dass dies im Berndeutsch
nicht praktikabel ist.
Gerade bevor ich also den Zürcher Dialekt
übernahm, besann ich mich darauf, dass
ich als authentischer Hauptstädter nicht nur ein Riesengewinn an
Entschleunigung für Zürich bin, sondern im Gegenzug auch vom wohlbekannten und
nicht zu unterschätzenden Berner Bonus profitiere.
Nach dem Motto «ig bi was ig bi» bleibe ich also
gerne ein Berner in Zürich und versuche Tag für Tag, etwas Berner Gemütlichkeit
in die Zürcher Hektik zu bringen.

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