Montag, 3. Dezember 2012

Gehirndoping, und dann?


Text: Carmen Püntener, Foto: Johny Nemer

Manchmal habe ich schlechte Laune. An diesen Tagen bin ich nicht gut drauf, bin schnell genervt, nichts gelingt mir. Ich nenne das den «Morelli». Meine Nächsten wissen, was das heisst. So kann ich auf die Frage «Wie geht’s?» auch einfach antworten: «Ich habe den Morelli», und damit ist alles gesagt. Sie wissen, dass sie mich dann am besten einfach in Ruhe lassen. Auch wenn ich nicht glücklich darüber bin, dass dies manchmal passiert, merke ich doch, dass ich diese Tage brauche, um zwischendurch mal durchzuatmen.

Nun ist das im Job aber nicht gerade förderlich. Denn da sehen Mitarbeitende und Vorgesetzte ihre Kollegen am liebsten, wenn sie fröhlich sind, lächeln, sich engagieren, ihre Arbeiten schnell und zuverlässig erledigen. Soll ich mich nun also an meinen «Morellitagen» jeweils ein bisschen aufputschen, ein Antidepressivum einnehmen? Das würde mir helfen, meine Stimmung zu heben und arbeitsadäquat zu funktionieren.

Die heutigen Anforderungen an Arbeitnehmende sind vielfältig. Und die gängigen Tugenden der Leistungsgesellschaft einseitig: Wer selbstbewusst, zielgerichtet und effizient arbeitet, kommt schnell vorwärts und macht Karriere. Mit Psychostimulanzien – etwa dem Konzentrationsförderer Ritalin oder dem Wachmacher Modasomil – können sich Menschen diesen Eigenschaften annähern. Und für eine gewisse Zeit die Arbeit als «Überflieger» erledigen. Ist das legitim? Sollen wir unsere Gedächtnisleistung mit Hilfe von Tabletten und Pülverchen auf Vordermann bringen dürfen, um mit den steigenden Anforderungen der Arbeitswelt Schritt halten zu können?

Wissenschaftler sehen das sogenannte Neuro-Enhancement – die geistige Leistungssteigerung mittels Medikamenten – als normale Weiterentwicklung des Menschen (siehe Fokus in «der arbeitsmarkt» Nr. 12/12). Dieser war schliesslich schon immer bestrebt, sich ständig zu verbessern. Das Gehirn einer Person gehöre nur ihr selbst, und sie entscheide allein, ob sie dessen Leistung mit Hilfsmitteln verbessern wolle. Das ist ein verbreitetes Argument für die Einnahme von Psychostimulanzien. Doch müssen wir uns denn wirklich ständig verbessern? Und wenn einer damit anfängt, besteht dann durch den Konkurrenzdruck nicht ein indirekter Zwang zum Konsum solcher Substanzen?

In einem meiner früheren Jobs war da dieser stille Mitarbeiter, der ganz hinten auf dem Gang sein Büro hatte, ein etwas verschrobener Kerl. Er war ein typischer «Eigenbrötler», war oft allein, seltsam angezogen und redete manchmal in der Kaffeepause wirres Zeug. Bei Teamsitzungen sass er meistens still da und sagte nichts, so dass wir uns manchmal fragten, was er denn überhaupt an diesem Ort zu suchen hat. Doch nicht nur einmal habe ich erlebt, dass er plötzlich ein entscheidendes Argument einbrachte, welches das Projekt, an dem wir gerade arbeiteten, grundlegend veränderte – in eine neue Dimension lenkte. Ich habe diesen Mitarbeiter mit der Zeit sehr schätzen gelernt, gerade weil sein Wesen nicht den üblichen Arbeitsgepflogenheiten angepasst war. Er konnte assoziativ denken und hatte die geniale Fähigkeit, immer wieder die Perspektive zu wechseln und ein Problem von vielen Seiten gleichzeitig zu betrachten. Mit dem richtigen Medikament wäre er vielleicht wie alle anderen fröhlich plaudernd durch das Büro geschlendert, hätte sich dann konzentriert in eine Sache vertiefen können und effiziente Resultate präsentiert. Doch dann wäre uns sein besonderer Blickwinkel verloren gegangen. Bei der ganzen Diskussion um das Neuro-Enhancement frage ich mich daher insbesondere: Was zerstören wir, wenn wir eine Gesellschaft erschaffen, in der alle Menschen in gleicher Weise funktionieren müssen?

Ich möchte weiterhin ab und zu bei der Arbeit müde sein dürfen, möchte mich, wenn der «Morelli» kommt, etwas zurückziehen können und freue mich, wenn meine Arbeitskollegen akzeptieren, dass ich dann weniger gesprächig bin. Und ich wäre froh, wenn mir mein Arbeitgeber verziehe, dass ich ab und zu nicht 120 Prozent, sondern vielleicht nur 85 Prozent der Leistung bringen kann. Vielleicht präsentiere ich dafür am nächsten Tag die zündende Idee für das nächste Projekt.

Montag, 5. November 2012

Erst gesucht, dann unerwünscht – Erlebnisse einer Ingenieurin*



Text: Regula Pfeifer, Foto: Johny Nemer

Angenommen, ich wäre eine erfahrene Ingenieurin. Ich hätte mich nicht abschrecken lassen von der Übermacht der männlichen Studienkollegen, hätte die Professoren von meinen Fähigkeiten überzeugt und ein gutes Diplom erreicht. Auch der Einstieg ins Berufsleben wäre mir leicht gefallen. Ingenieure sind ja gesucht, da schaut keiner, ob’s eine Frau oder ein Mann ist. Solange ich Vollzeit arbeite, bin ich voll dabei.

Klar muss ich mir die Spielregeln aneignen. Die Angst vor Konfrontationen verlieren, direkt kommunizieren, klare Forderungen stellen. Auch das Spiel mit den Netzwerken gehört dazu. Das nutzen ja auch die Kollegen für den beruflichen Aufstieg. Ich lese die Sportnachrichten und diskutiere mit, beteilige mich an ihrem wöchentlichen Fussballspiel und dem Feierabendbier.

Dann lerne ich einen Mann kennen, der Wunsch nach Kindern kommt hoch, ich werde schwanger. Nun dreht der Wind. Der Chef des Betriebs, in dem ich arbeite, ist schockiert. Ich frage, ob ich nach dem Mutterschaftsurlaub Teilzeit arbeiten könne. Verständnisloser Blick. Es kommt zu einem Gespräch. Wie ich mir das vorstelle, eine solch wichtige Position in drei Tagen professionell ausfüllen zu können? Da brauche es vollen Einsatz.
Der Chef zieht sich zurück, will nichts mehr wissen, die Kollegen ebenso. Die Stimmung gefriert, die Arbeit wird zur Qual.
Das schlägt mir auf den Magen, der Arzt schreibt mich tageweise krank.

Ich bemühe mich um weitere Gespräche mit dem Chef. Er verlangt, dass ich ganz oder gar nicht wieder einsteige nach dem Mutterschaftsurlaub. Vollzeit kann ich mir nicht vorstellen, also bin ich gezwungen zu kündigen. Der Ärger frisst in mir. Ich kann das private Kinderglück kaum geniessen.

Die Zeit geht vorbei, die Krippe ist gefunden – und ich suche eine neue Stelle. Doch auf mich wartet niemand mehr. Und niemand spricht aus, was wahrscheinlich dahinter steckt. Auf Mütter ist kein Verlass, sie fallen aus, wenn das Geschäft sie braucht, weil das Kind krank ist.

Eine Firmenmesse lässt mich aufhorchen. Unternehmen aus der Schweiz und den deutschsprachigen Nachbarländern wollen Ingenieure rekrutieren. 600 Stellen seien frei. Ich beschliesse hinzufahren.

Die Messehalle durchschreite ich, ich will zum Vortragssaal. Der ist voll, voller schwarzer und grauer Anzüge. Ein Stuhl ganz vorne ist frei. Ich setze mich hin, spüre die Blicke im Nacken und auf meiner violetten Bluse. Der Vortrag beginnt. Vieles ist mir bekannt. Ingenieure sind gefragt, die Berufsaussichten super, die Löhne nicht zu verachten, Aufstiegsmöglichkeiten vorhanden.

Von Teilzeit kein Wort, von Kinderbetreuung ebenso wenig. Dafür werden die Gratisparkplätze betont. Dann kommt’s dicker. Der Personalvermittler erzählt: Sein Klient wollte eine Stelle nicht annehmen. Wenige Kilometer Reiseaufwand waren ihm zuviel. Betretenes Schweigen im Saal, dann bissiger Spott des Referenten: Daran seien die Partnerinnen schuld, sie zwängen ihre Männer, um sechs Uhr abends zum Abendessen aufzukreuzen.

Ein Schauder durchfährt mich.  Ich fühle mich unerwünscht in dieser Männergesellschaft. Leise stehe ich auf – stehle mich mit gesenktem Kopf aus dem Saal. Erst mal an die frische Luft. Mal schauen, ob ich danach wieder Mumm habe, ob ich mich in die Messehalle zurück wage und an den Firmenständen die Personalverantwortlichen anspreche.

* Die Figur der Ingenieurin ist erfunden. Doch die Geschichte basiert auf eigenen und fremden, recherchierten Erfahrungen. Selbst erlebt ist die Vortragssituation unter Männern. Auf Recherchen beruht die Diskriminierung von schwangeren erwerbstätigen Frauen.

Dienstag, 25. September 2012

Ein Berner in der Grossstadt





Text und Foto: Martin Weiss

Ein immer wiederkehrendes Klischee lässt sich wissenschaftlich belegen: In Bern ist man wirklich langsamer unterwegs als anderswo – dies manifestiert sich im 2007 durchgeführten Fussgänger-Geschwindigkeits-Ranking, wo die Berner mit knapp über drei Stundenkilometern Rang 30 von 32 belegten.

Als in Zürich arbeitender Berner wird mir die Sache mit der Gemütlichkeit (böse Zungen nennen es Langsamkeit) denn auch bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben: Ist der Zug verspätet, ist schnell klar wieso – er ist in Bern abgefahren. Oder wenn die Sitzung länger dauert, liegt es daran, dass ein Berner dabei war. Sehr beliebt sind auch Witze wie etwa der von jenem Berner, der sich gestern die «Seegfrörni» von 1963 ansehen wollte.

Nach einigen Monaten in der Grossstadt hatte ich die Sprüche satt und beschloss, etwas zu ändern. Ich begann also, durch die Bahnhofstrasse zu rennen, um ja nicht aufzufallen. Das Mittagessen schlang ich in Rekordzeit herunter und verzichtete sogar meistens auf das gemütliche «Käffele». Im Zug setzte ich automatisch meine Ellenbogen ein, um mir den besten Platz zu verschaffen, und fuhr zum «HB» und nicht mehr zum «Bahnhof». Irgendwann fing ich an, im ortsüblichen Tempo zu sprechen – und merkte, dass dies im Berndeutsch nicht praktikabel ist. 

Gerade bevor ich also den Zürcher Dialekt übernahm, besann ich mich darauf, dass ich als authentischer Hauptstädter nicht nur ein Riesengewinn an Entschleunigung für Zürich bin, sondern im Gegenzug auch vom wohlbekannten und nicht zu unterschätzenden Berner Bonus profitiere.

Nach dem Motto «ig bi was ig bi» bleibe ich also gerne ein Berner in Zürich und versuche Tag für Tag, etwas Berner Gemütlichkeit in die Zürcher Hektik zu bringen.  

Mittwoch, 29. August 2012

Ohne Licht kein Bild





Text und Foto: Marga Schuttenhelm

Ist der Akku geladen? Sind die Daten von der Speicherkarte gelöscht und die Linsen frei von Staub und Schmutz? Ich sitze auf dem Stubenboden, um mich herum ausgebreitet mehrere Objektive, verschiedene Kabel und meine Kamera. Seit einem Jahr bin ich als semiprofessionelle Fotografin tätig. Vor jedem Fotoshooting überprüfe ich die gesamte Ausrüstung und versuche zu entscheiden, was ich alles für die Aufnahmen brauche und mitnehmen muss. Wie üblich packe ich viel mehr in den Fotorucksack ein als nötig – man weiss ja nie, für einen Fotografen lauert hinter jeder Ecke ein Motiv, und wie man so schön sagt: «Die Erfahrung lehrt einen.»

Einer meiner ersten Fotoaufträge, den ich nicht so schnell vergessen werde, fand in einem Kieswerk im sanktgallischen Bazenheid statt: eine Fotoreportage über die Ausbildung von Rettungshunden durch den Verein Redog, eine gemeinnützige, humanitäre Freiwilligen- organisation, die ihre Dienste im In- und Ausland anbietet. Ich dachte: «Super, Kieswerk – das gibt Aussenaufnahmen. Licht ist genug vorhanden; den Blitz kann ich getrost zu Hause lassen, dann muss ich nicht so viel Material schleppen.»

Am Samstagmorgen im Kieswerk angekommen, treffe ich in der grossen Werkhalle die Hundeausbildner mit ihren Tieren. 
Sie besprechen gerade die einzelnen Übungseinheiten. Ich höre gespannt zu. Ein Ausbildner spielt das Opfer und versteckt sich auf dem Gelände des Kieswerks. Der Hundeführer nimmt mit seinem Hund die systematische Suche nach der vermissten Person auf. Mit der Kamera bewaffnet, folge ich dem Duo. Knips, knips, knips – schnell die Bilder auf dem kleinen Monitor prüfen, die Belichtungseinstellung korrigieren, und weiter: knips, knips … Ja, das kommt – nicht gut. Völlig überraschend finde ich mich in den unterirdischen Gängen des Kieswerks wieder.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist dunkel, kein Tageslicht, nur alle paar Meter eine Notlampe, die spärlich vor sich hinflackert. Ich suche nach meinem Blitz – oh nein, der liegt zu Hause! Meine letzte Hoffnung sind der integrierte Aufhellblitz an der Kamera und mein Fotobearbeitungsprogramm zu Hause am Computer. Es bleibt keine Zeit zum Überlegen … knips, knips …

Später fahre ich frustiert heimwärts. Ich ärgere mich über mich selber.
Am Computer sichte ich die Bilder, die Auswahl der Fotos ist schnell getroffen. Es sind doch noch tolle Aufnahmen geworden. Glück gehabt!

Mein Fotorucksack ist gepackt. Ein letzter prüfender Blick – ja der Blitz ist drin. 

Montag, 2. Juli 2012

Touristenfalle Balkonien




Text: Sandra Kyburz, Foto: Martin Weiss

Laut Bundesamt für Statistik konnte im Jahr 2009 ein durchschnittlicher Schweizer Haushalt von seinen monatlich 6650 Franken Bruttoeinkommen rund 12,4 Prozent beiseite legen; das sind 824.60 Franken.

Stellensuchende wie ich gehören nicht selten zur untersten Einkommensklasse. Nach Abzug von Miete, Versicherungsprämien, Rückstellungen für Steuern und den überlebenswichtigen (!) Ausgaben für Essen und Trinken bleibt Ende Monat kaum etwas zum Sparen übrig – schon gar keine 824.60 Franken. Zwei Wochen Ferien, um die Seele baumeln zu lassen, den Stress der Stellensuche abzuschütteln, die dunklen Gedanken zu vertreiben, die Beziehung zu pflegen und neue Energie zu tanken, wären, ehrlich gesagt, dringend nötig. Aber ein Blick auf meinen Kontoauszug Ende Monat führt mir unmissverständlich vor Augen, dass zwei Wochen Toskana (Kulturferien), zwei Wochen Lofoten (Frischluftferien) oder zwei Wochen Kalymnos (Sportferien) nicht in meinem Budget liegen.

Übrig bleibt die «Reise» nach Balkonien. Einschlägige Magazine liefern dieser Tage viele Tipps, wie man seinen Balkon gestalten soll, um ein klein wenig Ferienfeeling aufkommen zu lassen: exotische Topfpflanzen verteilen, bequeme Sitzgelegenheiten bereitstellen, Bambusmatten als Sichtschutz montieren – fertig ist die Ferieninsel vor der Balkontür. Angepriesen wird, nebst der tatsächlich kostengünstigen Alternative, auch der Komfort der gewohnten Umgebung. Die verzweifelte Suche nach einem Katzensitter fällt weg, genauso das lästige Kofferpacken oder unbequeme Nächte auf durchgelegenen Hotelmatratzen. Paradiesische Zustände vor der Balkontür? Nicht wirklich!

Das Gewohnheitstier Mensch kann sich wohl seinen Balkon verschönern und so tun, als ob er Ferien mache. Das Problem liegt aber im «Komfort der gewohnten Umgebung». Nur noch kurz die Mails checken, bevor man sich mit einem guten Buch nach Balkonien verzieht. Montag ist Waschtag. Am Freitag trifft man sich mit Freunden zur üblichen Stunde am üblichen Stammtisch. Der Kühlschrank füllt sich nicht von alleine. Der Termin beim Tierarzt muss nicht verschoben werden, man ist ja zu Hause. Der Reiz von Ferien ist doch, dass sich das Gewohnheitstier Mensch aus seiner Komfortzone wagt und Abenteuer erlebt – und sei es nur, indem er seinem Magen fremdartige Speisen zuführt. So halte ich es zumindest. Ferien sind da, um Unbekanntes in fernen Ländern zu entdecken und dabei Zeit mit meinem Partner zu verbringen, ohne dass dabei der routinierte Tagesablauf von Zuhause dazwischenfunkt. Auf meinem Balkon, so gemütlich er auch ist, lauert der Alltag. Sprungbereit, mit gefletschten Zähnen, kauert er in der Ecke und wartet darauf, dass sich der Charme von Balkonien verzieht. Und das geschieht schneller, als mir lieb ist.

Mit der Verschönerung des Balkons ist es also nicht getan. Es gehört mehr dazu, um aus den freien Tagen Ferientage zu machen. Hier mein Fünf-Punkte-Programm, wie aus den freien Tagen auf dem Balkon entspannende Ferien werden:

1.     Switch-Off aller elektronischen Geräte. Ich werde keine Mails lesen oder gar beantworten, mein Facebookstatus bleibt zwei Wochen auf dem gleichen Stand, Handy und Fernseher werde ich nicht einschalten, die Post wird diese zwei Wochen im Briefkasten liegen bleiben und die Haustürglocke wird abgeklemmt. Warum? Wäre ich denn während Auslandferien für den Pöstler, Zeugen Jehovas, nervende Nachbarn erreichbar?
2.     Termine bei Zahn-, Frauen- oder Tierarzt sowie weitere wichtige Treffen verlege ich auf die Zeit vor oder nach den Balkonferien. Das handhabe ich bei einer Auslandsreise auch so. Und niemals, wirklich niemals, werde ich noch kurz einen Termin einschieben mit der Ausrede «Ich bin ja eh zu Hause».
3.     Ich werde keine Rechnungen zahlen oder die Steuererklärung ausfüllen, nur weil ich gerade Zeit habe (siehe Punkt 1 und 2).
4.     Ich werde die Trampelpfade meines Alltags vermeiden. Ein kühles Bier, um den Abend einzuleiten? Natürlich, aber nicht in meiner Stammkneipe! Auswärts essen? Kein Problem, aber nicht beim Lieblingsitaliener! Wäsche waschen? Ein definitives «auf gar keinen Fall»!
5.     Ich werde meine Beziehung ausgiebig pflegen und geniessen.

Mit diesen Massnahmen werden die Ferien auf Balkonien tatsächlich so kostengünstig und entspannend, wie mir die Hochglanzmagazine weismachen wollen. Und dem zähnefletschenden Monster Alltag werden darüberhinaus die Zähne gezogen, so dass es sich handzahm für zwei Wochen in der Küche versteckt – und ganz bestimmt nicht in einer Ecke des Balkons auf eine Unvorsichtigkeit meinerseits lauert.

Dienstag, 5. Juni 2012

Europäischer Einheitsbrei



Text: Reto Rauber; Foto: Marga Schuttenhelm

Mit der Fussball-Europameisterschaft wird in diesem Jahr zum ersten Mal in Osteuropa ein grosses Fussballturnier durchgeführt. In Polen und in der Ukraine, wo die Spiele stattfinden, wurden neue Stadien aus dem Boden gestampft und massiv in die Infrastruktur investiert. Beide Staaten wollen der Welt beweisen, dass sie das Grossereignis Fussball-EM zu einem grossen Fest machen können.

Vorfreude oder gar Euphorie mag jedoch nicht so recht aufkommen. Das liegt einerseits an den politischen Unruhen in der Ukraine, wo Präsident Wiktor Janukowytsch mit eiserner Faust regiert, zum anderen am italienischen Wettskandal, der seinen Ursprung möglicherweise in der Schweizer Challenge League hat. Angesichts der politischen Machtspiele in der Ukraine und des verbotenen Wetteifers italienischer Fussballmillionäre bleibt der Fussballfan, der sich auf spannende Spiele freut, aussen vor.

Euphorie ist indessen auch darum nicht viel spürbar, weil die europäischen Fussballanhänger ohnehin nicht von spannenden und attraktiven Matches verwöhnt werden. Denn die Spielweise der Nationalmannschaften ist quasi identisch geworden mit derjenigen der Klubs der europäischen Topligen. Alle spielen sie ungefähr gleich: mit vier Verteidigern, zwei defensiven Mittelfeldspielern und bloss einer Sturmspitze. Dass sich zum Beispiel Holland mit grösster Wahrscheinlichkeit erlaubt, einen Torjäger wie Jan-Klaas Huntelaar auf der Ersatzbank schmoren zu lassen, muss das Herz eines jeden echten Fussballanhängers schmerzen lassen.

Gefragt sind «Renner», die sich dem Kollektiv unterordnen, und nicht etwa Individualisten, die für unterschiedliche Spielkulturen sorgen würden. So müssen sich die Zuschauer wohl oder übel auf viele Spiele gefasst machen, die von der gleichen Taktik geprägt sind. Spiele, die sich darum kaum voneinander unterscheiden, weil die Polen wie die Ukrainer und die Tschechen wie die Kroaten spielen. Etwas kreativer dürfte Spanien daherkommen, dennoch ist Langeweile programmiert.

Der kollektive Einheitsbrei der Nationalmannschaften ist auf den finanziellen Druck zurückzuführen, an dem die Klubmannschaften in Europa leiden. Weil immer pompösere Stadien gebaut werden und die Spielersaläre schwindelerregende Höhen erreicht haben, sind die Klubs der Topligen zum raschen Erfolg verdammt. Vor diesem Hintergrund entscheidet sich ein Trainer zum risikoarmen Systemfussball, der ergebnisorientiert ist, wenig Spektakel erlaubt, doch dafür die Chancen für die Teilnahme an der Champions League erhöht. Die Champions League wiederum ist der Ort, wo die «gemeinnützige Vereinigung» UEFA den Geldsegen für die Klubs parat hält und wo jeder Klubboss seine Mannschaft sehen will. Die Bestrebungen der Klubs, unbedingt in der Champions League dabei zu sein, prägen Trainer und Spieler der 16 Nationalteams, die in Polen und in der Ukraine den Erfolg suchen.

Ein Arbeitnehmer muss sich gut überlegen, ob er für die EM 2012 Ferien nehmen oder wegen eines Matchs nach Hause eilen soll. Denn um Spiele zu sehen, die er in derselben Art und Weise zuvor schon dutzendfach in der Champions League gesehen hat, lohnt sich der Aufwand wohl kaum.

Montag, 30. April 2012

Lob der Aufmerksamkeit


 
Text: Eliane Maggi; Foto: Martin Weiss 
Auf dem Perron und in der Bahnhofhalle, an der Bushaltestelle, mir gegenüber im SBB-Waggon – schon frühmorgens sind sie unterwegs, die geschäftig telefonierenden oder Musik hörenden Menschen. Mit kleinen Ohrstöpseln ausgerüstet oder dem Smartphone am Ohr sind sie davor gefeit, angesprochen und in das Hier und Jetzt geholt zu werden. Die einen muten mir die aggressiven Rhythmen ihrer Musik zu, die andern lassen mich hautnah teilhaben an Tischreservationen, den Erlebnissen des Wochenendes und ihren Beziehungsproblemen.
Ich reise täglich eineinhalb Stunden pro Wegstrecke mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit. Das gibt mir genügend Zeit, meine unmittelbare Umgebung zu analysieren. Ich schaue mich über den Zeitungsrand um, beobachte – finden noch Gespräche zwischen Menschen statt? Wird noch face to face kommuniziert? Hat irgendwer ein Lächeln für den Kondukteur übrig, der seine Tour macht? Ist noch ein Mindestmass an Interesse am Gegenüber oder an Alltagsbegebenheiten vorhanden? Kaum. Gerade noch rechtzeitig kann ich den Kopf zurückziehen, um einem schwungvoll umgehängten Rucksack auszuweichen.
Vorhin fand beim Einsteigen in den Schnellzug eine Rauferei statt. Bis ich an den Streithähnen gefahrlos vorbeigehen konnte, musste ich kurz verharren. Dann beschloss ich, mich einem jungen Mann gegenüberzusetzen. Es war nicht nötig ihn zu fragen, ob der Sitzplatz frei ist, denn er trägt Stöpsel im Ohr. Aus den Augenwinkeln hatte er den Disput offenbar wage wahrgenommen und erkundigt sich nun, was sich ereignet hatte. Eine Stunde später verlässt er am Zielbahnhof wortlos das Abteil. Ein paar Minuten später stehen wir uns zufällig im Bus gegenüber, teilnahmslos und gleichgültig.

Aufmerksamkeit – etwas, was uns schleichend abhanden kommt, weil diese Tugend zunehmend durch die Technik, mit der wir uns umgeben, zugeschüttet wird. Der Aufmerksamkeitsverlust führt aber zu Blackouts und Isolation. Ein paar nette Worte, eine freundliche Geste würden uns nichts kosten und beiden Seiten guttun. Ein Lächeln würde uns in dieser schnelllebigen Zeit, in der wir ohnehin aneinander vorbeileben, doch ganz gut zu Gesichte stehen, den Tag etwas aufhellen und uns leichtfüssig an die Arbeit gehen lassen … Oder habe ich einfach antiquierte Ansichten?

Donnerstag, 29. März 2012

Bewerber 114



Text: Heinz Schopfer Foto: Marga Schuttenhelm

Stellensuchende haben es im Moment schwerer als auch schon. Bedingt durch das RAV-Kontrollsystem, das einen monatlichen Nachweis der Bemühungen über die Arbeitssuche fordert, bewerben sich Stellensuchende auch für Positionen, für die sie nur 70 Prozent der Anforderungen erfüllen. Dies führt dazu, dass zu jeder Stellenausschreibung Hunderte von Bewerbungen eintreffen. Es entsteht ein Mehraufwand für die ausschreibenden Unternehmen und für die Stellensuchenden.

Zugegeben, für eine HR-Abteilung ist das eine Herausforderung. Vor allem in grösseren Unternehmen und im öffentlichen Dienst sind oft mehrere Stellen gleichzeitig ausgeschrieben, und es muss eine Flut an Bewerbungen bewältigt werden. Da müssen die Prozesse optimiert werden – aber bitte nicht so, wie es immer mehr anzutreffen ist.

Absageschreiben werden zunehmend von Lernenden oder den HR-Asssistenten als Serienbrief verschickt. Dabei kommen immer die gleichen nichtssagenden Formulierungen zur Anwendung, wie sie in der HR-Ausbildung gelehrt werden – oder noch schlimmer: im HR-System hinterlegt sind. So finden sich Sätze wie «Vielen Dank für Ihre Bewerbung, wir haben sie mit Interesse gelesen», «Wir haben Ihr Dossier eingehend geprüft» oder «Vielen Dank für Ihr Interesse an unserer Firma». Der Absageklassiker schlechthin aber ist: «Unter den zahlreichen Bewerbern haben wir Kandidaten gefunden, die unser Anforderungsprofil noch etwas besser erfüllen. Wir bedauern …». Schräg wird es, wenn man sich bei einem Grossunternehmen für zwei unterschiedliche Positionen bewirbt und zwei identische Absagen erhält.

Ich wende mich deshalb an alle Unternehmen, namentlich solche mit gut organisierten HR-Abteilungen, und an professionelle Stellenvermittler:

Liebe Unternehmen

Auf Ihrer Firmen-Homepage heben Sie die Bedeutung der Mitarbeitenden für das Unternehmen und Ihr Engagement für diese hervor. Sie begründen, weshalb der Respekt gegenüber den Angestellten so wichtig für den Erfolg des Unternehmens ist. Schreiben Sie es nicht – leben Sie es! Behandeln Sie potenzielle Kunden nicht auch mindestens so gut wie Ihre bestehenden Kunden?

Seien Sie deshalb ehrlich gegenüber Bewerberinnen und Bewerbern. Wenn Sie schreiben, dass Sie sich für das Team eher eine Frau oder eine jüngere Person vorgestellt haben, versteht das jeder. Wir sind nicht in Deutschland, wo Sie eine Klage wegen Diskriminierung befürchten müssen. Schreiben Sie alle Anforderungen in die Stellenanzeige. Es ist unverständlich, wenn bei persönlicher Nachfrage nach dem echten Absagegrund ein neuer Punkt im Anforderungsprofil auftaucht. Einer seriösen Bewerbung geht eine genaue Analyse des Inserates und eine Recherche zum Unternehmen voraus. Am Bewerbungsbrief wird herumgefeilt, bis er sich individuell an dieses eine Unternehmen richtet. Voller Respekt.
Vergessen Sie nicht: In jeder Absage spiegelt sich die Haltung Ihres Unternehmens gegenüber Menschen.

Mit respektvollem Gruss,
Ihr Bewerber 114.

Donnerstag, 1. März 2012

Vorsicht, Diebe!


Text: Helmo Jagusch, Foto: Simone Gloor

Beinahe jede Unternehmung preist ihre Produkte auf individuell gestalteten Webseiten zum Kauf an. Ferienanbieter unterstreichen die Schönheit ihrer Ferienresorts mit Filmen auf YouTube. Wichtige Persönlichkeiten (oder solche, die sich dafür halten) verbreiten ihre Mitteilungen auf Twitter. Und gepaart mit den Möglichkeiten von Facebook, werden diese Informationen zusätzlich über «Freunde» und «Freunde von Freunden» in alle Welt verteilt.

Diese Möglichkeiten der uneingeschränkten Kommunikation haben neue Berufe ins Leben gerufen, von denen man bisher noch nie etwas gehört hat. Befürworter dieser Kontakt- und Werbemöglichkeiten schwärmen denn auch von den vielen tausend Arbeitsstellen, die diese neue Beziehungsform mit sich bringt.

Doch die Warner halten entgegen, dass das alleinige Ziel der im Internet präsenten Firmen beziehungsweise ihrer Kommunikationsverantwortlichen darin besteht, Daten von Kunden zu erhalten, um sie für ihre Werbezwecke zu gebrauchen. Zwar ist das Internet nicht grundsätzlich schlecht – doch die Professionalisierung in der Erfassung unserer Kundendaten und unseres Surfverhaltens lässt uns zu gläsernen Konsumenten werden. Genau das ist die Krux an der Sache. Es ist beängstigend, wie lange individuelles Internetverhalten und persönliche Daten gespeichert bleiben – nämlich über unseren Tod hinaus.

Facebook etwa betreibt weltweit mehr als 30 000 Datenserver (Stand 2009). Darauf speichert der Sozial-Media-Riese sämtliche Daten, Fotos und Vorlieben ihrer Kunden doppelt und dreifach ab. Wer vor Jahren sein Benutzerkonto gelöscht, sich also «gewollt» aus der Sozial-Media-Plattform zurückgezogen hat, später dann aber der Meinung war, nun doch wieder auf dem Freunde-Netzwerk mitmachen zu wollen, konnte bei der neuerlichen Anmeldung feststellen, dass alle Daten, Freunde, Fotos, Posts und Nachrichten – oh Wunder – noch immer vorhanden und wieder sichtbar wurden. Als ob der Kontoinhaber sie nie gelöscht hätte.

Google betreibt weltweit mehr als 900 000 Datenserver (Stand 2011) und speichert darauf sämtliche Inhalte unserer Homepages und YouTube-Filmchen, aber auch unsere Suchanfragen und Surfvorlieben. Deshalb kennt dieser Datenelefant unsere Vorlieben genau und sendet uns personalisierte Werbung auf den Rechner. Selbst wenn der PC-Inhaber seine Wohnadresse ändert, wandern diese Daten automatisch mit. Beim Aufstarten des WWWs sind alle Surfvorlieben am neuen Domizil wieder präsent.

Da können wir Nutzer nur hoffen, dass sich die neuen Berufsleute in den einzelnen Firmen ihrer Verantwortung wirklich bewusst sind und dass sie unsere Angaben nie missbrauchen werden. Denn Daten von und über uns sind nicht «nur Daten», sondern unsere Privatsphäre, unser Leben.

Dienstag, 31. Januar 2012

Gesundheitsdiktatur


Text: Benjamin Hämmerle, Foto: Simone Gloor

Seit längerem ist zu beobachten, dass Bund, Kantone und Gemeinden sich zunehmend aggressiv um die Gesundheit und den Lebenswandel ihrer Bürger kümmern. Nachdem die Raucher erfolgreich dezimiert und vor die Türen von Gaststätten und Discos verbannt worden sind, hat sich der Bundesrat (wieder einmal) die jugendlichen Alkoholkonsumenten vorgenommen. Mit einem generellen Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken zwischen 22 Uhr und 6 Uhr will er spontanen nächtlichen Saufgelagen vorbeugen. Dass man damit auch all jenen, die weder die Nachtruhe stören noch suchtgefährdet sind, die Möglichkeit nimmt, spätabends im 24-Stunden-Shop oder an der Tankstelle ein Bier zu kaufen, nimmt der Bundesrat als «unvermeidlich» in Kauf.

Ebenfalls Aufsehen erregt haben in jüngster Zeit millionenteure Präventionskampagnen gegen Fettleibigkeit. Jede zweite Person in der Schweiz soll übergewichtig sein. Dies ist das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie des Universitätsspitals Lausanne im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Besorgt ist das BAG insbesondere über die volkswirtschaftlichen Kosten, die die Übergewichtigen in der Schweiz jedes Jahr verursachen. Diese hätten sich allein zwischen 2004 und 2009 von 2,6 auf 5,7 Milliarden Franken mehr als verdoppelt. Zu den direkten Krankheitskosten («Verbrauch von Ressourcen zur Behandlung von Adipositas und Folgekrankheiten») addieren die Statistiker des Bundes indirekte Kosten wie «Produktivitätsverlust durch Arbeitsabwesenheit, Invalidität oder Tod». Welche Schande, dem Staat einen Produktivitätsverlust durch den eigenen Tod aufzubürden!

Überhaupt bekommt man den Eindruck, dass dem Staat nicht so sehr die Gesundheit seiner Bürger am Herzen liegt. Vielmehr scheinen ihm die wirtschaftlichen Kosten, die deren Fehlverhalten allenfalls verursachen könnte, auf dem Magen zu liegen. Dies ist Ausdruck einer zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Individuen werden als Nutz- und Kostenfaktoren gesehen, die dem Bruttoinlandsprodukt entweder förderlich oder abträglich sind. Die Idee, dass jeder Bürger und jede Bürgerin die Kosten des eigenen Verhaltens selber tragen soll, findet immer mehr Anhänger. Dass Betrunkene Zwangsaufenthalte in Ausnüchterungszellen und Spitalaufenthalte selber berappen sollen, hat die ständerätliche Gesundheitskommission am 25. Januar beschlossen. Dass Übergewichtige höhere Krankenkassenprämien bezahlen sollen, ist längst kein Tabu mehr.

Dieser Logik folgend müssten auch Behandlungen von Sportunfällen und vieler Krankheiten selber finanziert werden, denn die Betroffenen haben sich bewusst oder fahrlässig in Risikosituationen begeben. Kommt dazu, dass viele gesundheitliche Beschwerden – wie zum Beispiel Adipositas – zum Teil genetisch bedingt sind. Sollen Menschen mit Risikogenen auch höhere Krankenkassenprämien bezahlen? Damit wäre der solidarische Charakter unseres Gesundheitswesens vollständig ausgehebelt.

Es kann nicht das Ziel unserer Lebensführung und unserer Politik sein, stets eine optimale wirtschaftliche Leistungsfähigkeit aller Individuen zu gewährleisten. Vielleicht würde sich die Wirtschaftsleistung der Schweiz tatsächlich verdoppeln, wenn niemand dick wäre, Alkohol trinken, rauchen, Fastfood essen, abseits der markierten Pisten fahren, im Auto Radio hören oder ins Solarium gehen würde. Wenn alle mindestens sieben Stunden pro Nacht schlafen, fünf Portionen Früchte oder Gemüse pro Tag essen, dreimal pro Woche (ungefährlichen) Sport treiben und stets gut gelaunt arbeiten würden. Für mich wäre es dann aber an der Zeit, auszuwandern.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Ein neues Land lieben lernen


Text: Katrin Wahl, Bild: pixelio/Rainer Sturm
Man sieht die Schweizer Berge von der deutschen Seite aus, von dort, wo ich bis vor drei Jahren gewohnt habe. Sie sind mir ein vertrauter Anblick. Das erste Schweizer Fernsehprogramm ist im Kabelnetz im Bodenseekreis eingespeist und ebenfalls vertraut. Umso erschütterter war ich im Stillen, mich nach meinem Umzug in einer mir völlig unvertrauten Umgebung wiederzufinden.
Man sagt nicht Umzug in der Schweiz, das heisst Zügeln, belehrte man mich. Mein schwäbischer Dialekt öffnete mir zwar einige Türen, brachte jedoch meine Gegenüber unwillkürlich zum Lächeln. Und zum Spötteln: «Ha, noi» grinste ein aus Basel stammender Arbeitskollege immer, wenn er mich sah. Ein Jahr später machte er mir dann ein reizendes Kompliment: «Du kommsch jo vom Bodensee, des sind ja eh halbe Schwiizer.» Der Weg bis zu diesem Kompliment war zwar nicht steinig, aber holperig.
Denn trotz meiner vollmundigen Versicherung, ich verstünde Schwizerdütsch, gab es oft genug Situationen, in denen ich genauso gut hätte Kisuaheli rückwärts hören können, so wenig Information erreichte mein schwäbisch geprägtes Sprachzentrum. Dann stand ich inmitten des Wortschwalls, den meine Arbeitskolleginnen in zungenbrecherischer Geschwindigkeit über mich ergossen, und flüchtete in die einzige Form der Kommunikation, die mir sinnvoll erschien: Ich lächelte. Ich galt recht schnell als freundlicher Mensch.
So nach und nach lichtete sich der Sprachen-Dschungel, gab mir einen Begriff nach dem anderen preis. Wenn ich es auch nicht spreche, das meiste verstehe ich inzwischen, kann auch Baslerdytsch von Züridütsch und Bärndüütsch unterscheiden. Jetzt, nach fast drei Jahren, muss ich mich zusammenreissen, um in meiner alten Heimat nicht «Grüezi» zu sagen, sondern – ordentlich schwäbisch – «Grüss Gott».
Tiefer noch berührte mich, als mir bewusst wurde, dass ich hier die Ausländerin war. Es war mir Zeit meines Lebens immer gleichgültig, wo jemand herkam oder welche Hautfarbe er hatte. Hier erlebte ich die andere Seite der Medaille. Die Deutschen sind nicht sehr beliebt in der Schweiz, musste ich lernen. Nach Beobachtungen diverser Ausrutscher unsensibler Landsleute verstehe ich auch, warum. Persönlich musste ich zwar nur selten massive Ablehnung erfahren. Ich erlebte eher die täglichen kleinen Spitzen – Bemerkungen wie «Ich hab nichts gegen Deutsche, aber es sind jetzt einfach zu viele». Mit der Zeit machten sie mir nichts mehr aus.
Aber trotz mancher Verbalattacken: Von den meisten Schweizerinnen und Schweizern in meinem Umfeld erlebe ich nur Positives. Ob beim Arbeiten oder beim Einkaufen, beim Sport oder in der Stadt, viele sind ungeheuer höflich und entgegenkommend. Diejenigen, die nicht negativ auf meine Sprache reagieren, sind es sogar viel, viel mehr, als ich es von daheim gewohnt bin. Die schwäbische Mentalität ist eher kurz angebunden, gelegentlich sogar ungehobelt, auch wenn es nicht so gemeint ist.
Aber, so klärte mich eine Kollegin einmal auf, das sei völlig logisch für Schweizer. «Freundlichkeit und Höflichkeit sind der Klebstoff, der unsere vielen Sprachen und Gruppen in der Schweiz bei allen Unterschieden zusammenhält.»