Montag, 3. Dezember 2012
Gehirndoping, und dann?
Text: Carmen Püntener, Foto: Johny Nemer
Manchmal habe ich schlechte Laune. An diesen Tagen bin ich nicht gut drauf, bin schnell genervt, nichts gelingt mir. Ich nenne das den «Morelli». Meine Nächsten wissen, was das heisst. So kann ich auf die Frage «Wie geht’s?» auch einfach antworten: «Ich habe den Morelli», und damit ist alles gesagt. Sie wissen, dass sie mich dann am besten einfach in Ruhe lassen. Auch wenn ich nicht glücklich darüber bin, dass dies manchmal passiert, merke ich doch, dass ich diese Tage brauche, um zwischendurch mal durchzuatmen.
Nun ist das im Job aber nicht gerade förderlich. Denn da sehen Mitarbeitende und Vorgesetzte ihre Kollegen am liebsten, wenn sie fröhlich sind, lächeln, sich engagieren, ihre Arbeiten schnell und zuverlässig erledigen. Soll ich mich nun also an meinen «Morellitagen» jeweils ein bisschen aufputschen, ein Antidepressivum einnehmen? Das würde mir helfen, meine Stimmung zu heben und arbeitsadäquat zu funktionieren.
Die heutigen Anforderungen an Arbeitnehmende sind vielfältig. Und die gängigen Tugenden der Leistungsgesellschaft einseitig: Wer selbstbewusst, zielgerichtet und effizient arbeitet, kommt schnell vorwärts und macht Karriere. Mit Psychostimulanzien – etwa dem Konzentrationsförderer Ritalin oder dem Wachmacher Modasomil – können sich Menschen diesen Eigenschaften annähern. Und für eine gewisse Zeit die Arbeit als «Überflieger» erledigen. Ist das legitim? Sollen wir unsere Gedächtnisleistung mit Hilfe von Tabletten und Pülverchen auf Vordermann bringen dürfen, um mit den steigenden Anforderungen der Arbeitswelt Schritt halten zu können?
Wissenschaftler sehen das sogenannte Neuro-Enhancement – die geistige Leistungssteigerung mittels Medikamenten – als normale Weiterentwicklung des Menschen (siehe Fokus in «der arbeitsmarkt» Nr. 12/12). Dieser war schliesslich schon immer bestrebt, sich ständig zu verbessern. Das Gehirn einer Person gehöre nur ihr selbst, und sie entscheide allein, ob sie dessen Leistung mit Hilfsmitteln verbessern wolle. Das ist ein verbreitetes Argument für die Einnahme von Psychostimulanzien. Doch müssen wir uns denn wirklich ständig verbessern? Und wenn einer damit anfängt, besteht dann durch den Konkurrenzdruck nicht ein indirekter Zwang zum Konsum solcher Substanzen?
In einem meiner früheren Jobs war da dieser stille Mitarbeiter, der ganz hinten auf dem Gang sein Büro hatte, ein etwas verschrobener Kerl. Er war ein typischer «Eigenbrötler», war oft allein, seltsam angezogen und redete manchmal in der Kaffeepause wirres Zeug. Bei Teamsitzungen sass er meistens still da und sagte nichts, so dass wir uns manchmal fragten, was er denn überhaupt an diesem Ort zu suchen hat. Doch nicht nur einmal habe ich erlebt, dass er plötzlich ein entscheidendes Argument einbrachte, welches das Projekt, an dem wir gerade arbeiteten, grundlegend veränderte – in eine neue Dimension lenkte. Ich habe diesen Mitarbeiter mit der Zeit sehr schätzen gelernt, gerade weil sein Wesen nicht den üblichen Arbeitsgepflogenheiten angepasst war. Er konnte assoziativ denken und hatte die geniale Fähigkeit, immer wieder die Perspektive zu wechseln und ein Problem von vielen Seiten gleichzeitig zu betrachten. Mit dem richtigen Medikament wäre er vielleicht wie alle anderen fröhlich plaudernd durch das Büro geschlendert, hätte sich dann konzentriert in eine Sache vertiefen können und effiziente Resultate präsentiert. Doch dann wäre uns sein besonderer Blickwinkel verloren gegangen. Bei der ganzen Diskussion um das Neuro-Enhancement frage ich mich daher insbesondere: Was zerstören wir, wenn wir eine Gesellschaft erschaffen, in der alle Menschen in gleicher Weise funktionieren müssen?
Ich möchte weiterhin ab und zu bei der Arbeit müde sein dürfen, möchte mich, wenn der «Morelli» kommt, etwas zurückziehen können und freue mich, wenn meine Arbeitskollegen akzeptieren, dass ich dann weniger gesprächig bin. Und ich wäre froh, wenn mir mein Arbeitgeber verziehe, dass ich ab und zu nicht 120 Prozent, sondern vielleicht nur 85 Prozent der Leistung bringen kann. Vielleicht präsentiere ich dafür am nächsten Tag die zündende Idee für das nächste Projekt.
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