Mittwoch, 9. Januar 2013

Zwischen zwei Welten



Text: Angela Alliegro, Foto: Johny Nemer

Ich lebe in zwei Welten. Die erste Welt ist die des Berufs, der Pflichten, der Frustrationen und der Opfer. All das, was die meisten Menschen als das reale Leben sehen. Die zweite Welt ist der Bereich der Träume, der Projekte und Visionen. Diese schwebt sanft parallel neben der ersten. Ich realisiere nur wenige Projekte dieses zweiten Bereichs. Zwar besteht der Wunsch, diese Visionen zu konkretisieren; weil sie kurzfristig kein Geld einbringen, lasse ich sie aber auf der Wartebank sitzen und gehe Tätigkeiten nach, die den Lebensunterhalt garantieren.

Menschen, die einen kreativen Beruf ausüben, haben es wohl besser geschafft, die zweite Welt in die erste zu integrieren, oder anders gesagt: Es ist ihnen gelungen, ihre Träume in Taten umzusetzen. Ich habe immer die zweite Realität als eine notwendige gesehen, um die erste überhaupt aushalten zu können. Wir brauchen die zweite Welt, um uns als Menschen nicht aufgeben zu müssen, um eine innere Zufriedenheit aufrechtzuerhalten. Mit dem Nebeneinander der zwei Welten hat sich auch der österreichische Philosoph Robert Pfaller auseinandergesetzt:

«Die erste Welt selbst scheint es regelmässig mit sich zu bringen, dass wir den Traum von einer zweiten, anderen entwickeln müssen – nämlich um eben in der ersten zu leben».

Die Projekte und Visionen, die ich habe, kann ich nicht in meine berufliche Tätigkeit einbringen. Ich habe es jedoch punktuell versucht: mit meiner Lizentiatsarbeit über Indigene im Andenhochland, mit einem Dissertationsvorhaben in Argentinien, mit meinen zahlreichen Kulturreisen. Ich war zeitweise in der zweiten Domäne und kam immer wieder in die erste zurück. Mit Trauer musste ich jedes Mal feststellen, dass ich nicht in der zweiten Welt leben kann, dass ich diese nicht zu meiner ersten machen kann. Von dieser zweiten Sphäre musste ich immer wieder in die erste zurückkehren und versuchen, in ihr Fuss zu fassen – mit Berufen wie Lehrerin, Archivarin oder Teamleiterin. Ohne Fantasie und mit viel Routine. Vielleicht ist darum mein zweiter Lebensbereich so gross: Ich brauche ihn umso mehr, um im ersten zu bestehen.

Die Frage bleibt aber weiterhin offen: Wie kann ich wenigstens einen Teil meiner Träume umsetzen und davon leben? Sobald ich mich diesen Projekten widme, einzelne Tage oder Stunden, kommt ein ungutes Gefühl in mir auf, das mich nicht mehr still sitzen lässt. Was mach ich da bloss? Ich muss doch eine Stelle suchen. Ich kann nicht einfach hier sitzen und über etwas schreiben, das womöglich nie publiziert wird und somit niemand liest.

Während des Praktikums, das ich zurzeit bei einer Fachzeitschrift absolviere, haben sich die zwei Wirklichkeiten das erste Mal gestreift. Ich verdiene zwar kein Geld mit den Artikeln, die ich für die Zeitschrift realisiere, doch ich erhalte Geld von der Arbeitslosenkasse. Das Recherchieren und Schreiben der Artikel ist nicht so tiefgründig wie bei einer Dissertation, aber dafür sehe ich meinen Text innerhalb von ein paar Wochen publiziert und weiss, dass ihn ein paar Leute lesen werden.

Doch was würde passieren, wenn ich immer mehr meiner Zweitwelt-Projekte in der ersten Welt verwirklichen würde? Würde da die zweite Welt zur ersten? Vielleicht hätte ich an der zweiten Welt gar keine Freude mehr, wenn der Kontrast zur ersten fehlen würde. Ein Traum ist nur ein Traum, wenn er nicht verwirklicht wird. 

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