Text: Angela Alliegro, Foto: Johny Nemer
Ich lebe in zwei
Welten. Die erste Welt ist die des Berufs, der Pflichten, der Frustrationen und
der Opfer. All das, was die meisten Menschen als das reale Leben sehen. Die zweite
Welt ist der Bereich der Träume, der Projekte und Visionen. Diese schwebt sanft
parallel neben der ersten. Ich realisiere nur wenige Projekte dieses zweiten Bereichs.
Zwar besteht der Wunsch, diese Visionen zu konkretisieren; weil sie kurzfristig
kein Geld einbringen, lasse ich sie aber auf der Wartebank sitzen und gehe
Tätigkeiten nach, die den Lebensunterhalt garantieren.
Menschen, die
einen kreativen Beruf ausüben, haben es wohl besser geschafft, die zweite Welt
in die erste zu integrieren, oder anders gesagt: Es ist ihnen gelungen, ihre Träume in Taten umzusetzen.
Ich habe immer die zweite Realität als eine notwendige gesehen, um die erste
überhaupt aushalten zu können. Wir brauchen die zweite Welt, um uns als
Menschen nicht aufgeben zu müssen, um eine innere Zufriedenheit aufrechtzuerhalten. Mit dem Nebeneinander der zwei Welten hat sich auch der österreichische
Philosoph Robert Pfaller auseinandergesetzt:
«Die erste Welt
selbst scheint es regelmässig mit sich zu bringen, dass wir den Traum von einer
zweiten, anderen entwickeln müssen – nämlich um eben in der ersten zu leben».
Die Projekte und
Visionen, die ich habe, kann ich nicht in meine berufliche Tätigkeit einbringen.
Ich habe es jedoch punktuell versucht: mit meiner Lizentiatsarbeit über Indigene
im Andenhochland, mit einem Dissertationsvorhaben in Argentinien, mit meinen
zahlreichen Kulturreisen. Ich war zeitweise in der zweiten Domäne und kam immer
wieder in die erste zurück. Mit Trauer musste ich jedes Mal feststellen, dass
ich nicht in der zweiten Welt leben kann, dass ich diese nicht zu meiner ersten
machen kann. Von dieser zweiten Sphäre musste ich immer wieder in die erste zurückkehren
und versuchen, in ihr Fuss zu fassen – mit Berufen wie Lehrerin, Archivarin oder
Teamleiterin. Ohne Fantasie und mit viel Routine. Vielleicht ist darum mein
zweiter Lebensbereich so gross: Ich brauche ihn umso mehr, um im ersten zu
bestehen.
Die Frage bleibt
aber weiterhin offen: Wie kann ich wenigstens einen Teil meiner Träume umsetzen
und davon leben? Sobald ich mich diesen Projekten widme, einzelne Tage oder
Stunden, kommt ein ungutes Gefühl in mir auf, das mich nicht mehr still
sitzen lässt. Was mach ich da bloss? Ich muss doch eine Stelle suchen. Ich kann
nicht einfach hier sitzen und über etwas schreiben, das womöglich nie publiziert
wird und somit niemand liest.
Während des
Praktikums, das ich zurzeit bei einer Fachzeitschrift absolviere, haben
sich die zwei Wirklichkeiten das erste
Mal gestreift. Ich verdiene zwar kein Geld mit den Artikeln, die
ich für die Zeitschrift realisiere, doch ich erhalte Geld von der
Arbeitslosenkasse. Das Recherchieren und Schreiben der Artikel ist nicht so
tiefgründig wie bei einer Dissertation, aber dafür sehe ich meinen Text
innerhalb von ein paar Wochen publiziert und weiss, dass ihn ein paar Leute
lesen werden.
Doch was würde
passieren, wenn ich immer mehr meiner Zweitwelt-Projekte in der ersten Welt verwirklichen
würde? Würde da die zweite Welt zur ersten? Vielleicht hätte
ich an der zweiten Welt gar keine Freude mehr, wenn der Kontrast zur ersten
fehlen würde. Ein Traum ist nur ein Traum, wenn er nicht verwirklicht wird.

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